Ausgabe Januar 1992

Amerika - Bilder und Spiegelbilder

Halbe Wahrheiten. Antiamerikanische Selbstblockaden der Linken

Eine der verbreitetsten und allgemein nicht hinterfragten Lehrmeinungen der europäischen Linken in den vergangenen vier Jahrzehnten oder länger war die Feindseligkeit gegenüber den USA - nicht nur gegenüber der imperialistischen Dimension der US-Außenpolitik im wirtschaftlichen und militärischen Umgang mit der Dritten Welt, am augenfälligsten im Vietnamkrieg, sondern auch gegenüber dem politischen und kulturellen System der USA als Ganzem. Mit dem Begriff des Antiamerikanismus versuchen Verteidiger der US-Politik häufig, jede Kritik an dem, was Washington tut, zu diskreditieren. Aber abgesehen von diesem denunziatorischen Zug charakterisiert der Begriff sehr genau eine in der europäischen Linken vorherrschende Haltung gegenüber allem, für das Amerika steht, oder von dem angenommen wird, das Amerika dafür stehe.

Drei Dinge sind in bezug auf diese Einstellung offenkundig. Zum einen ist sie, obwohl häufig in linke Termini gefaßt, keineswegs auf die Linke beschränkt. Breite konservative und snobbistische Feindschaft gegenüber den USA, ihrer Kultur und Politik, gehört zum Grundbestand großer Teile der europäischen Rechten, besonders in Frankreich. Zweitens geht diese Einstellung, was die Linke anbelangt, mit einer bemerkenswerten und durchdringenden Ignoranz (und einem Mangel an Interesse) gegenüber der amerikanischen Politik und Gesellschaft einher.

Januar 1992

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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