Ausgabe Dezember 2000

Lockerungsübungen in Pjöngjang

Seit dem historischen Gipfel zwischen den beiden koreanischen Staatsführern Kim Dae-jung und Kim Jong-il sind nur wenige Monate vergangen und schon scheint kaum mehr etwas wie zuvor. Ende Juni trat der Norden dem Asean Regional Forum bei und eröffnete damit erstmals Chancen für einen multilateralen regionalen Sicherheitsdialog, der über die 1999 ins Stocken geratenen Vier-Parteiengespräche zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea, der Republik Korea, der VR China und den USA hinausreicht. Danach ließ sich Pjöngjang auf Gespräche über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit zahlreichen, darunter auch europäischen Staaten ein. Zwischen den beiden Koreas kam es zu ersten Versuchen, die vollmundige Agenda des Gipfels in die Tat umzusetzen. 100 Familienangehörige aus Nord und Süd trafen sich Mitte August ("Woche der Versöhnung"), hohe Militärvertreter beider Seiten Anfang Oktober.

Schließlich reiste Jo Myong Rok, der zweite Mann in der nordkoreanische Militärhierarchie nach Washington. Madeleine Albright erwiderte den ersten hochrangigen Besuch seit Kriegsende kaum eine Woche später. Die Abschottung des einstigen Schurkenstaates Nordkorea, ja dessen gesamte Staatsideologie Chuch'e, die auf nationale Autarkie setzt, scheint in Auflösung begriffen. Der Schein trügt.

Sie haben etwa 13% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 87% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Euphorie und Ernüchterung: Bangladesch nach dem Aufstand

von Natalie Mayroth, Dil Afrose Jahan

Im September fanden an der Universität Dhaka, einer der wichtigsten Hochschulen Bangladeschs, Wahlen zur Studentenvereinigung statt. Manche sehen sie als Testlauf für die nationalen Wahlen. Daher ist es ein Warnsignal, dass dort ausgerechnet der Studentenflügel der islamistischen Jamaat-e-Islami gewann.