Ausgabe Dezember 2000

NPD-Verbot: Der große Konsens

Der Kanzler des Konsenses rief zum "Aufstand der Anständigen". Gegen "Intoleranz" und "rechte Gewalt" soll das Volk sich erheben. Wie beim Konsens so üblich, wird er nur möglich durch den inhaltlich kleinsten gemeinsamen Nenner. Und so konnten sich auch Horst Seehofer und Michael Glos von der CSU als Anständige in den Demonstrationszug in Berlin einreihen. Unter "Aufstand" versteht man gemeinhin eine Notwehrmaßnahme der Ohnmächtigen gegen eine ungerechte Herrschaft der Mächtigen. Es ist nicht der einzige paradoxe Aspekt des gegenwärtigen "Kampfes gegen rechts", dass es gerade die Mächtigen im Lande sind, die zum Aufstand auffordern gegen eine angeblich verschwindend kleine Minderheit.

Da kennen wir keine Parteien mehr: Von CSU bis PDS sind alle dabei. Im Zeichen des "Bündnisses für Arbeit" existiert auch kein Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit. Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften haben gemeinsam erkannt: Der Feind steht rechts. Und Anständige sind wir ja schließlich alle, oder? Der größtmögliche Konsens ist erreicht. Nur das Volk, der große Lümmel, spielt wieder einmal nicht die ihm zugedachte Rolle.

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema