Ausgabe Oktober 2000

Abschied vom Westen?

Zur Debatte um die Historisierung der Bonner Republik

Historisierung, recht verstanden, ist nichts anderes als das Geschäft der Geschichtswissenschaft. Ereignisse, Strukturen, Prozesse werden in ihren zeitlichen Kontexten gedeutet, periodisiert, im Verhältnis von Kontinuitäten und Brüchen verortet. Professionelle Zeitgeschichte oder Neueste Geschichte bedarf für ihre analytische und hermeneutische Arbeit eines gewissen zeitlichen Abstands, der in der Regel im generationellen Wechsel zustande kommt und seinen technischen Ausdruck etwa in den meist dreißigjährigen Sperrfristen staatlicher Archive findet. Daraus ergibt sich eine prinzipielle Schwierigkeit der Diskussion über eine Historisierung der "Bonner Republik", denn wir befinden uns bei diesem Thema auf der Nahtstelle von bereits überblickbarer jüngster Geschichte und dem zehn- bis dreißigjährigen Niemandsland zwischen Zeitgeschichte und Gegenwart. Geschichtswissenschaftlich erprobte und diskutierte Deutungsmuster stehen hier kaum schon zur Verfügung (im angelsächsischen Sprachraum kennt man den Unterschied von Contemporary und Current History). Insofern liegt die Vermutung nahe, daß mit der Forderung nach einer Historisierung der "Bonner" oder der "alten" Bundesrepublik etwas anderes gemeint ist als eine professionelle Selbstverständlichkeit.

1.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.