Im Bereich der Humanwissenschaften beherrscht ein Buch den literarischen Spätsommer in Frankreich: La mémoire, l’histoire, l’oubli – Erinnerung, Geschichte, Vergessen – von Paul Ricoeur.[1] Der 87jährige Philosoph hat auf knapp siebenhundert Seiten noch einmal ein weitausholendes Werk vorgelegt. Von einer Phänomenologie der Erinnerung führt ein langer Weg über eine Erkenntnistheorie der Geschichtswissenschaft, eine Betrachtung über die condition historique des Menschen und über das Vergessen zu den abschließenden, religionsphilosophischen Überlegungen zur Vergebung. Die Zeitschriften „Esprit“ und „Magazine littéraire“ haben das Ereignis mit Sondernummern begleitet, und mehrere andere („Le Monde des débats“, „Philosophie“) brachten „Dossiers“ mit Vorabdrucken und Kommentaren; Alain Finkielkrauts Rundfunkreihe „Répliques“ widmete ihre erste Sendung nach der Sommerpause Paul Ricoeur. Der Auslieferung des Buches Anfang September gingen am 13. Juni ein stark applaudierter, zusammenfassender Vortrag im großen Auditorium der Sorbonne (in der Reihe der von der École des hautes études en sciences sociales veranstalteten Marc Bloch-Vorlesungen) und eine leicht gekürzte Veröffentlichung des Vortragstextes in „Le Monde“ (15. Juni) voraus.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.