Ausgabe Oktober 2000

Gegeninformationen zur Vereinigungspolitik.

Eine ideologiekritische Zehnjahresbilanz

Man wird kaum irgendwo in zeitgeschichtlichen Darstellungen unserer Epoche so viel ideologisch Zurechtgebogenes, Geschöntes oder als unabänderlich Deklariertes1 finden wie in den Reden und Darstellungen zur Eingliederung der ehemaligen DDR in die westdeutsche Bundesrepublik; angefangen mit der Behauptung, Helmut Kohl sei der „Kanzler der Einheit“ gewesen.

Die vorherrschende Ideologieproduktion hat einen einfachen Grund: Es wird in den meisten Darstellungen2 vermieden, die Frage zu stellen: Wessen Interessen dienten die Vereinigungspolitiken? Die offiziellen „Erklärungen“ wurden und werden für bare Münze genommen. In Zehnjahresbilanzen nimmt die Geschichtsklitterung nun ein kaum noch erträgliches Ausmaß an. Der Bundestag gab dafür in einer Währungsunions-Gedenksitzung ein atemberaubendes Beispiel. Seine Fraktionen feierten am 30. Juni 2000 diesen ökonomisch katastrophalen Eingriff als „entscheidenden Meilenstein im Prozess der Wiedervereinigung“ (Theo Waigel). Nur der redliche Walter Romberg, damals Waigels Kontrahent, nannte im FR-Interview den Erpressungsdruck beim Namen, unter dem er damals, als Finanzminister der Noch-DDR, gestanden habe, und „machte die Haltung der Bonner Regierung ... bei den Verhandlungen über die Währungsunion für den wirtschaftlichen Niedergang Ostdeutschlands verantwortlich“.

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.