Ausgabe September 2000

Rußland zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Nach den Zerfallsszenarien am Ende der Jelzin-Ära verkörpert Putin für den Westen ein Mehr an innerer Stabilität und äußerer Berechenbarkeit, selbst wenn die Demokratie darunter leidet und die weit gehende Nichteinmischung in innere Angelegenheiten - siehe Tschetschenien - die Kluft zu Europa vertieft. Putins gleichberechtigte Teilnahme beim G 8-Gipfel in Japan im Juli befriedigte Russlands Bedürfnis nach Anerkennung. Eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, die Moskau Stimmrecht und Vetomacht einräumt, ist damit keineswegs dokumentiert. Russlands Platz am Tisch der reichsten Demokratien in Japan drückte mehr eine Option auf die Zukunft als tatsächliche Zugehörigkeit aus. Obschon sich einige im Westen beruhigen - es hätte mit Russland ja noch weitaus schlimmer kommen können -, die außenpolitische Erbschaft, die Putin zu überwinden trachtet, könnte kaum verheerender sein. Moskau ist wegen des Tschetschenienkrieges moralisch diskreditiert, unglaubwürdig aufgrund der tief verwurzelten Korruption und politisch, wirtschaftlich und technologisch vor allem erfolgreich in der Anti-Reklame für seinen Transformationspfad.

Die von Gorbatschow kreierte und von Jelzin übernommene Strategie - wenn der Westen nicht hilft, wird er für den Kollaps verantwortlich sein - hat sich ebenfalls erschöpft. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre wurde es zunehmend einsam um Russland.

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