Ausgabe Juli 2001

Grenzverläufe des Zumutbaren

Einsichten und Absichten deutscher Einwanderungspolitik

Am Anfang stand die Green Card. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder im Februar 2000 vorgeschlagen hatte, den seit 1973 bestehenden Anwerbestopp für Arbeitskräfte zu lockern und im Ausland ein paar Tausend Computer-Experten anzuwerben, konnte man nicht unbedingt ahnen, dass er damit einen Paradigmenwechsel in der Einwanderungspolitik einleiten würde. Zu schlecht vorbereitet und zu halbherzig war die Initiative. Mit der vorgesehenen zeitlichen Befristung der Anwerbung und der begrenzten Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis orientierte sich Schröder an Konzepten der 50er und 60er Jahre, als die Verantwortlichen der Bevölkerung wider besseren Wissens vorgaukelten, die sogenannten Gastarbeiter blieben auf Zeit.

Mit dieser Lüge erkauften sich die Politiker die Zustimmung der Gewerkschaften und der Arbeiterschaft, die die Konkurrenz aus den Mittelmeerländern fürchteten. Gleichzeitig entledigten sie sich der Aufgabe, die Einwanderung für alle Beteiligten sozial verträglich und verantwortungsvoll zu gestalten. Aber der weitere Verlauf der Green Card-Initiative löste Lernprozesse aus - in der Bevölkerung und in den Parteien. Der Grund: Gerhard Schröder rief, aber die gewünschten Computerexperten meldeten sich nur recht zögerlich. Für viele Deutsche war das eine neue Erfahrung.

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der Genozid-Vorwurf gegen Israel und die deutsche Verantwortung

von Albrecht von Lucke

Von den zahlreichen Kriegs- und Krisenbrennpunkten der Gegenwart, von der Ukraine über Iran bis zum Sudan, erregt wohl keiner so sehr die Gemüter wie der Israel-Palästina-Konflikt. Und fast immer taucht dabei der Vorwurf des »Genozids« gegenüber Israel auf.