Sowohl in Washington wie in Peking haben wichtige politische Gruppierungen sich die Affäre um das am 1. April auf Hainan notgelandete US-Spionageflugzeug zunutze gemacht, um den eigenen Einfluß zu stärken. Gewisse Republikaner in der neuen Administration und im Kongreß sowie die konservativen Denkfabriken, die China als den neuen geopolitischen Gegenspieler Amerikas betrachten, deuteten den Zwischenfall als Beweis für die Stichhaltigkeit ihrer Auffassungen. Es liegt in der historischen Bestimmung der Vereinigten Staaten, meinen sie, auf eine Konfrontation mit China zuzusteuern, um auf diese Weise zu entscheiden, welches der beiden Länder im 21. Jahrhundert Asien dominieren wird. Sie wollen eine amerikanische Politik, die China schwach hält. Eine andere Gruppe der Republikaner, innerhalb und außerhalb der Regierung, zeigte sich zutiefst erleichtert darüber, daß eine diplomatische Lösung gefunden wurde. Sie wünschen die Erhaltung der guten Handelsbeziehungen mit China wegen der enormen Investitionen amerikanischer Unternehmen in diesem Land, wegen der wirtschaftlichen Abhängigkeit von chinesischen Exporten und nicht zuletzt deshalb, weil sie an die marktorthodoxe These glauben, daß der Handel ein Land politisch liberalisiert, indem er seine Einbindung in die herrschende Weltordnung festigt.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.