Ausgabe November 2001

Der amerikanische Ernstfall

United We Stand - Chickenburger verkündet der Aushang eines schäbigen Gasthofs im verlassenen Hinterland Maines. Zusammen mit dem gewöhnlichen Produkt soll die ungewöhnliche Botschaft "rüberkommen": Jener 11. September hat den Wirt daran erinnert, daß er nicht nur Besitzer seines kleinen Ladens ist, sondern auch Mitglied einer großen Nation. The Spirit of America ("Newsweek") macht dieser Tage vor nichts und niemandem halt. Daß die Stunde der Not den Geist des Volkes transformieren würde - diese uralte Einsicht hat sich wieder einmal schlagend bestätigt. "Wir können sagen", rekapituliert 1915 Ernst Lederer (Zur Soziologie des Weltkriegs), "daß sich am Tage der Mobilisierung die G e s e l l s c h a f t, die bis dahin bestand, in eine G e m e i n s c h a f t umformte." Und er fährt fort: "Daß die Völker gegenwärtig im Kriege, mehr als jemals, die Form der Gemeinschaft annehmen, liegt dann, daß das moderne Heer mit der allgemeinen Wehrpflicht, jenseits aller gesellschaftlichen Bindungen, einen eigenartigen Komplex ausgebildet hat, innerhalb welchem alle soziale Besonderheit suspendiert ist." Suspendiert also nicht dauerhaft aufgehoben, sondern zeitweitig verdrängt und bis auf weiteres zum Verschwinden gebracht. Kalamität "kassiert" Pluralität.

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Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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