Ausgabe Dezember 2005

Große Koalition aus englischer Sicht

Wenn es nicht gerade um Adolf Hitler, Welt- oder „Blitzkrieg“ geht, kommt die Bundesrepublik bei den Briten in der Regel kaum vor. Ihnen ist Deutschland immer noch irgendwie unheimlich, unberechenbar und eher gefährlich. Nun hat Deutschland im vergangenen Jahrhundert ja auch allerlei Veranlassung gegeben, ihm zu misstrauen – und so wenig Großbritannien vollends in die Hände der Brüsseler Bürokratie oder gar in die Abhängigkeit vom Euro geraten möchte, so sehr will man Abstand zu den Deutschen halten. Umso mehr jetzt, da die britische Wirtschaft, die jahrelang brummte, höhere Löhne und mehr Wohlstand brachte, neuerdings ins Schleudern gerät. Die jüngeren deutschen Aktivitäten in Großbritannien, vor allem die von BMW, sind unvergessen – wurden sie doch als ausgesprochen aggressiv empfunden.

Die Briten können auch das deutsche Verhältniswahlrecht nicht verstehen, das es dem Wählerwillen so gerecht wie nur irgend möglich machen möchte – und genau so fremd ist ihnen die traditionelle Pflicht einer Partei ohne absolute Mehrheit, sich einen Koalitionspartner zu suchen, um regieren zu können. In Großbritannien gilt in jedem Wahlkreis das absolute Mehrheitswahlrecht. Wer gewinnt, kommt ins Parlament – und die Stimmen für den Verlierer werden nicht etwa über Landeslisten gutgeschrieben und gar in so genannten Überhangmandaten verrechnet – sie sind einfach verloren.

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.