Ausgabe Dezember 2006

Systemwechsel auf Schwedisch

Wählen ändert nicht viel – jedenfalls nicht in Schweden. Davon waren viele Kommentatoren im In- und Ausland überzeugt, als in dem skandinavischen Land am 17. September d.J. über die Zusammensetzung eines neuen Reichstags entschieden wurde. „Alle Schweden sind Sozialdemokraten“, schrieb etwa der Verleger Svante Weyler in der „Süddeutschen Zeitung“, „nur dass alle vier Jahre ein Teil der Sozialdemokraten konservativ, liberal oder sonstwie anders wählt. Wenn dann [...] die Opposition gewinnt [...], bleibt dennoch alles, wie es war.“1

Auch nachdem sich am Wahlabend herausstellte, dass die an die Macht gewöhnten Sozialdemokraten mit 35 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis seit 1914 erzielt hatten und erstmals seit 1991 wieder eine bürgerliche Koalition das Land regieren würde, hielt sich diese Einschätzung hartnäckig. Der Politikwissenschaftler Bo Rothstein feierte den bürgerlichen Wahlsieg gar als „Triumph der Sozialdemokraten“: Zwar habe die Partei des bisherigen Regierungschefs Göran Persson die Wahl verloren, jedoch nur deshalb, weil die Bürgerlichen um Fredrik Reinfeldt ihre Politik längst übernommen hätten.2

Rothsteins Einschätzung rührt daher, dass Reinfeldt seinen Vorgänger mit dessen eigenen Mitteln, nämlich einer linken Rhetorik, angegriffen und geschlagen hat.

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.