Olympia 2018: Desaster mit Ansage | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Olympia 2018: Desaster mit Ansage

<span class="fcredit">Foto: <a href="http://www.flickr.com/photos/pagedooley/2305010616/sizes/o/" target="_blank">kevindooley</a></span> Foto: kevindooley

von Klaus Weber

Während in Vancouver die letzten Vorbereitungen für die 21. Olympischen Winterspiele getroffen werden, plant man an anderer Stelle längst die kommenden Olympiaden. Bereits am 2. Juli 2009 war im Sportteil der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zu lesen, der Sportausschuss des Bundestags habe sich mit den Stimmen der großen Koalition sowie der FDP „hinter die Bewerbung der Stadt München für die Olympischen Winterspiele 2018 gestellt“. 

Wobei festzustellen ist: Mehr als die Hälfte der Veranstaltungen dieser Winterspiele werden nicht in München stattfinden, sondern in der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen und in Schönau am Königsee (dem Ort der Bob- und Rodelwettbewerbe) – beides Ortschaften, die direkt in den Alpen liegen.

Kritik am Beschluss des Bundestags kam denn auch prompt von Ökologieverbänden, aber auch von vielen kompetenten Sportberichterstattern und Fachleuten, die sich seit Jahren mit der Vergabepraxis des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), der Finanzierung der Spiele und der zunehmenden Ökonomisierung des Sports unter dem Deckmantel von Völkerverständigung und Frieden beschäftigen.

Der damalige Vorsitzende des Sportausschusses, Peter Danckert von der SPD, wies dagegen darauf hin, dass Kritik an diesem „nationalen Projekt“ nicht erwünscht sei, damit kein „uneinheitliches Bild“ entstehe. Selbst Gregor Gysi, dem der Zusammenhang von Großveranstaltungen und Kapital- und Verwertungsinteressen von Sport- und Medienindustrie nicht unbekannt sein dürfte, fügte sich am Tag vor der Abstimmung dem Aufruf von DOSB-Präsident Thomas Bach, einen „Schulterschluss von Sport und Politik“ herzustellen, und sprach sich auf dem Wahl-Hearing des DOSB für die Olympiabewerbung aus: „Wenn wir Olympische Spiele wollen, müssen wir auch bereit sein, selber welche auszutragen“.

Bei der Bundestagsabstimmung enthielt sich Gysi dann allerdings der Stimme, ebenso wie seine Fraktion und die Fraktion der Grünen. Und das aus gutem Grund, denn von der einstigen Vorbildfunktion des Sports kann heute keine Rede mehr sein.

Olympia als Kassenschlager

Seit ihrer Wiederbegründung durch den Franzosen Pierre de Coubertin im Jahr 1894 haben sich die Olympischen Spiele zum größten Sportereignis der Welt entwickelt. Ausgestattet mit enormem Symbolcharakter stehen sie jedoch keineswegs nur für positive Werte. Das IOC, das die Spiele vorbereitet und organisiert, steht vielmehr seit dem Skandal von Salt Lake City auch für ganz andere „Ideale“: nämlich für Korruption und Bestechlichkeit. Damals sollen der Vorsitzende des US-Olympia-Bewerbungskomitees Tom Welch und sein Stellvertreter Dave Johnson IOC-Mitglieder mit Hilfe von Reisen, Immobiliengeschäften, Barzahlungen und sonstigen Vorteilsgewährungen (beispielsweise Aufenthaltsgenehmigungen und Uni-Stipendien für Angehörige) im Wert von rund 1,2 Mio. US-Dollar massiv beeinflusst haben. Der Fall von Salt Lake City führte zum Ausschluss von sechs IOC-Mitgliedern. Vier weitere traten zurück, zehn erhielten Verwarnungen. Darüber hinaus kam es zu einer drastischen Strukturreform des IOC.

Freilich dürfte das US-OlympiaBewerbungskomitee nicht das erste mit solchen Verhaltensweisen gewesen sein – und auch nicht das letzte. So gelang es 2004 britischen Journalisten, die sich als Unterstützer der Londoner Olympiabewerbung für 2012 ausgaben, das IOC-Mitglied Iwan Slawkow vor versteckter Kamera zur Einwilligung in einen Stimmenkauf zu bewegen.

Mythos Nachhaltigkeit

Doch derartige Praktiken sollen nun gänzlich der Vergangenheit angehören. Ja, mehr noch: Schon vor den letzten Winterspielen in Turin brüstete sich das IOC damit, „nachhaltige Spiele“ zu veranstalten. Das Großevent Olympia werde nicht nur den Arbeitsmarkt beleben und den Tourismus fördern, sondern zudem die Region ökologisch, sozial und ökonomisch voran bringen.

Die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA stellte dazu mit Blick auf Turin fest, dass bereits „der wirtschaftliche Aspekt den Nachhaltigkeitsanspruch ins Wanken bringt. Alleine die Organisationskosten belaufen sich auf 1,3 Mrd. Euro. Zusammen mit den Aufwendungen für die Infrastruktur von 2,1 Mrd. Euro ergeben sich Gesamtkosten von 3,4 Mrd. Euro, welche größtenteils von der öffentlichen Hand getragen werden. Bei der Kandidatur wurde die finanzielle Beteiligung der Öffentlichkeit allerdings nur auf etwa 500 Mio. Euro budgetiert.“[1]

Letztlich betrug das Defizit für die öffentliche Hand rund 40 Mio. Euro, wobei die verheerenden Folgen der Umwelt- und Naturzerstörung und die Kosten für den Erhalt der Sportstätten noch nicht eingerechnet sind: „Während die finanzielle Belastung für die Metropole Turin eher tragbar scheint, werden Orte wie Pragelato oder Cesana nach den Spielen den Unterhalt der Skisprungschanze und Bobbahn schwer verkraften. Es ist zu erwarten, dass die Veranstalter diese Anlagen aufgeben, sobald die Spiele beendet sind. Ende 2005 hat der Bürgermeister von Albertville/Frankreich, Austragungsort der Spiele 1992, seine Kollegen aus dem Piemont erinnert, dass die Skisprungschanze von Courchevel ein Defizit von 200000 Euro pro Jahr verursacht.“

Und was für Turin, Albertville und andere in den Alpen liegende Orte gilt, das wird für Garmisch-Partenkirchen ebenso zutreffen. Auch hier wird damit geworben, dass 2018 nachhaltige und ökologische Winterspiele abgehalten werden sollen. Tatsache ist jedoch, dass bereits der Bund Naturschutz und die Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness aus der Fachkommission Umwelt der Planungsgesellschaft des DOSB ausgetreten sind, weil sie sich nicht als ökologisches Feigenblatt missbrauchen lassen wollen. In einem Brief an Michael Vesper vom DOSB begründete Mountain Wilderness ihren Austritt damit, dass „wir und die Umweltverbände nicht schon während der Konzeptionierung hinzugezogen [wurden], sondern erst danach“. Außerdem sei für die Durchführung der Veranstaltungen künstliche Beschneiung notwendig, was aus Energie- und Wasserverbrauchsgründen generell abzulehnen sei. Inzwischen hat sich auch der Verkehrsclub Deutschland (VCD) für ein ökologisches Konzept für 2018 ausgesprochen. Er fordert den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, eine Abwicklung von 80 Prozent des Verkehrs über jenen und keinen zusätzlichen Autobahnausbau nach Garmisch – was durch die Bewerber auf keinen Fall umgesetzt werden wird.

Wer zudem weiß, wie hoch sich die Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen bereits bei der umstrittenen Ausrichtung der Ski-Weltmeisterschaften im Jahr 2011 verschuldet hat, der kann ermessen, welche finanziellen Probleme auf den Ort zukommen werden. Die Kommune hat in den letzten Jahren 60 Mio. Euro in den Wintersport investiert; für Kinderkrippen dagegen mag Bürgermeister Thomas Schmid das Geld nicht ausgeben. Dabei müsste der Ort schon bis 2013 „67 neue Plätze aufbauen, um den staatlichen Vorgaben zu entsprechen“.[2]

Werbung für den Tourismus?

Bleibt schließlich das Argument, die Olympischen Spiele würden Garmisch-Partenkirchen für Touristen attraktiver machen und Arbeitsplätze fördern. Keine Frage: Während der Spiele wird in Garmisch-Partenkirchen und der Region kein Übernachtungsplatz zu bekommen sein; werden viele Arbeitslose und prekär Beschäftigte ihre kargen Transferleistungen offiziell oder „schwarz“ aufbessern können. Doch wie wird es nach den Spielen aussehen? Thomas Bausch, Professor für Touristik an der Hochschule München, hat in einer Studie deutlich gemacht, dass gerade jene LOHAS,[3] die vermehrt in potentiell nachhaltigen Orten wie Garmisch Urlaub machen, sich abwenden werden, wenn umweltfeindliche Eingriffe in die Natur und langwierige Baumaßnahmen vorgenommen werden, um Sport-Großveranstaltungen durchführen zu können. Die Behauptung des Bundestagsantrags, Olympische Spiele würden eine „wirtschaftliche Aufbruchstimmung“ erzeugen, hat also keine fachwissenschaftliche Grundlage: Weder Volks- noch Betriebswirte, die sich mit Sport-Events wissenschaftlich beschäftigen, haben dazu jemals eine aussagekräftige Studie erstellt.

Weil die Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen diese Argumente durchaus kennt, die Mehrheitsfraktion des Christlich-Sozialen Bündnisses jedoch die Bewerbung unbedingt will – in der naiven Hoffnung, die Schulden der Ski-WM 2011 durch die Gewinne aus den Olympischen Spielen 2018 zu tilgen –, hat die Kommune einen Umweltbeauftragten installiert, der die Feigenblattfunktion erfüllen will: Der pensionierte Professor Dr. Wolfgang Sailer greift den Bund Naturschutz an und behauptet, es sei alles „Mumpitz“, was dieser in seiner ablehnenden Stellungnahme behaupte. Klimaerwärmung spiele keine große Rolle in Bezug auf die Olympischen Spiele 2018, und das IOC sei zudem extrem lernfähig. Da Nachhaltigkeit das prioritäre Kriterium für die Spiele sei, werde sich Garmisch-Partenkirchen auf alle Fälle nachhaltig entwickeln. Merkwürdig nur: Als Sailer noch am Institut für Atmosphärische Umweltforschung in Karlsruhe arbeitete, warnte er noch vehement vor den Folgen der Klimakatastrophe.[4]

Wie lernfähig das IOC tatsächlich ist, konnte man bei der Vorbereitung der Winterspiele sehen. Zehntausende Bäume wurden gefällt und ganze Bergseiten weggesprengt, um Olympische Anlagen im Callaghan-Valley in der Nähe von Whistler, dem zweiten Austragungsort der Spiele, und die Sea-to-Sky-Highway-Erweiterung zu bauen, heißt es auf der kritischen Homepage gipfelsoli.de. Im Fraser River, wo tonnenweise Schotter abgebaut wird, um die benötigten enormen Mengen Beton herzustellen, starben Millionen Lachse.

Auch in sozialer Hinsicht ist die Bilanz desaströs: Seit dem Ausscheidungssieg 2003 gingen in Vancouver über 850 Sozialwohnungen verloren. Zur selben Zeit stieg die Zahl der Obdachlosen von 1000 auf 2500 an. Für die Spiele in Seoul 1988 wurden sogar 750000 Arme, in Atlanta 1996 über 30000 und für Peking 2008 gar über 1,5 Millionen Menschen vertrieben. Trotzdem reden die Olympia-Offiziellen ungeniert von Nachhaltigkeit als „Olympischem Vermächtnis“.[5] Wie nachhaltig das IOC mit den Geldern umgeht, zeigte sich nicht zuletzt in der Finanzkrise: „Das IOC hat einige Millionen Dollar am Finanzmarkt verzockt, etwa in Fonds des Betrügers Bernard Madoff“, bilanziert treffend der kenntnisreiche Sportjournalist Weinreich.[6]

Ökonomistische Fremdbestimmung

Bei alledem zeigt sich: Sportliche Betätigung – auch und gerade bei Großveranstaltungen wie den Olympischen Spielen – ist heute kaum mehr als das postulierte friedliche Treffen der weltbesten Athleten unter der Fahne von Fairness, Freude und Brüderlichkeit zu erleben. Vielmehr sind die Veranstaltungen zur Ware geworden und werden ebenso gehandelt. Die einzelnen Sportlerinnen und Sportler, wie sehr sie auch einem sportlichen Gedanken frönen mögen, können in dieser Welt nur überleben, wenn sie ihren Körper zum maximal ausgebeuteten Warenkörper machen und die wenigen Jahre des Leistungssports dazu nutzen, über Sponsorenverträge und Preisgelder so viel zu verdienen, dass sie anschließend ein ruhiges Leben führen können.

Dieser brutale Zusammenhang zwischen kapitalistischer Warenproduktion und Sport ist jedoch nicht nur in den Sportarten selbst wahrnehmbar. Sport und sportliche Veranstaltungen tragen durch ihre gesellschaftliche Funktion und ideologische Wirkung erheblich dazu bei, dass Körperkult, Konkurrenz und Niederlage zu normalen und natürlichen Prinzipien erklärt und vom sportlichen Terrain auf die allgemeine Arbeits- und Lebenswelt problemlos übertragen werden können.

Es gab in der Bundesrepublik einmal Zeiten, in denen Sportpolitiker der großen Parteien wussten, dass einzig durch die Förderung des Breitensports die Möglichkeit gegeben ist, Spitzenleistungen zu erkennen. Doch tempi passati. Der Kult um die Olympischen Spiele zeigt dagegen eins – wie sehr der Leistungssport und seine Repräsentanten inzwischen zu bloßen Apologeten der ökonomistischen Fremdbestimmung körperlich-sportlicher Betätigung verkommen sind.



[1] Nachhaltige Olympische Winterspiele in Turin? CIPRA News, www.cipra.org, 9.2.2006; dort auch das folgende Zitat. [2] Vgl. „Süddeutsche Zeitung“, 13.3.2009. [3] LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) stehen für einen Lebensstil, der durch sein Konsumverhalten gezielt Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern will. [4] Vgl. etwa Naturschutzbund Deutschland e.V., Der Specht. Informationsblätter des Kreisverbands Gießen, 2004, S. 4. [5] Keine olympischen Spiele auf gestohlenem Land, www.gipfelsoli.org. [6] Jens Weinreich, Finanzierung Olympischer Spiele: Wir sind ein privilegiertes Völkchen! http://jensweinreich.de/?cat=7.

 

(aus: »Blätter« 2/2010, Seite 20-23)
Themen: Ökologie und Soziale Bewegungen

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