Ausgabe Oktober 2010

Der Amoklauf der Erika Steinbach

Der Bund der Vertriebenen und seine Vergangenheit

Sie hat es tatsächlich fertiggebracht. 2003 bekannte der Schriftsteller Ralph Giordano, er habe sich in „persönlichen Begegnungen mit Frau Steinbach davon überzeugt, dass sich tatsächlich etwas im Vertriebenenverband geändert” hätte. Er unterstützte das von ihr betriebene Zentrum gegen Vertreibungen. Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland und Historiker aus Tschechien und Polen machten mit bei der daraus entstandenen Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Doch sie alle verließen jetzt fluchtartig Erika Steinbachs Versöhnungstribunal. Und Ralph Giordano warnte Bayerns Regierungschef Horst Seehofer ebenso rechtzeitig wie vergebens vor seinem Auftritt auf dem sogenannten Tag der Heimat: „Was wird nun diesmal, Herr Ministerpräsident? Wieder das Bekenntnis zu der instabilen These ‚Wir verzichten auf Rache und Vergeltung‘, die suggeriert, man habe etwas unterlassen, was einem eigentlich zugestanden hätte?”

Doch Seehofer bekannte sich unter dem Jubel der angetretenen Vertriebenen zu seiner Unionsfreundin. Denn Erika Steinbach ist noch immer die unbestrittene Führerin aller Vertriebenen, Anführerin aller, die noch ein Zweidritteljahrhundert danach ihr Vertriebenensein leben.

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.