Ausgabe Oktober 2010

Im Strudel der Erinnerung

Am 24. Oktober wird Christa Wolf in Lübeck den Thomas-Mann-Preis in Empfang nehmen – „für den tiefen moralischen Ernst und die erzählerische Kraft“, die ihr Werk auszeichneten, so die Begründung der Jury.

Ernst ist auch das jüngste Buch von Christa Wolf. Ja, mehr noch: Es ist ein trauriges Buch, ein schwieriges zudem. Und dennoch kann man nicht davon lassen, muss immer weiterlesen. Allerdings fühlt sich der Leser zu Beginn, obwohl der komplizierte Titel alle Möglichkeiten eröffnet, doch ein wenig irregeführt, denn das Wort „Roman“ erscheint lediglich auf der Rückseite des Umschlags. Dort heißt es: „Der neue große Roman von Christa Wolf ‚Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud’ spiegelt das Leben der Autorin, wie ‚Kindheitsmuster’ immer wieder verbunden mit entscheidenden Momenten deutscher Geschichte.“

Auch das einführende Zitat aus Walter Benjamins „Ausgraben und Erinnern“ – „So müssen wahrhafte Erinnerungen viel weniger berichtend verfahren als genau den Ort bezeichnen, an dem der Forscher ihrer habhaft wurde“ – lässt eher Lebenserinnerungen als einen Roman erwarten.

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema