Ausgabe Februar 2012

Maghrebinische Ungleichzeitigkeiten

Ein Jahr nach dem Aufstand

Die drei Länder des Maghreb – Tunesien, Algerien und Marokko – werden meist als Einheit betrachtet, teilen sie doch eine gemeinsame Kultur und mit Frankreich eine gemeinsame Kolonialmacht. Allerdings bestehen zwischen den Ländern fundamentale Unterschiede, die auch in der Geschichte des „Arabischen Frühlings“ zum Ausdruck kommen.

Dessen Auslöser war der Selbstmord des Tunesiers Mohammed Bouazizi am 17. Dezember 2010. Dieser hatte sich in der Bezirkshauptstadt Sidi Bouzid vor dem Amtssitz des Gouverneurs mit Benzin übergossen und angezündet. Der Grund für die Tat des jungen Mannes war schiere Verzweiflung: Bouazizi hatte einen Hochschulabschluss als Informatiker, musste aber als fliegender Gemüsehändler das Überleben seiner Familie sichern. Da er nicht in der Lage war, eine Lizenz für seinen Karren zu bezahlen, erpresste die Polizei von ihm „Strafgelder“. Kurzum: Bouazizi lebte ein Leben ohne Würde.

Im Maghreb lautet der Gegenbegriff zu Würde „Hogra“. Er bezeichnet die Demütigung, die den Bürgerinnen und Bürgern nicht nur während des Kolonialismus, sondern auch in der Zeit danach entgegengebracht wurde – vor allem seitens der staatlichen Behörden. Das Schicksal Bouazizis sahen viele Tunesier als exemplarisch für die allgegenwärtige Hogra in ihrem Lande an.

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