Facebook, das größte soziale Netzwerk der Welt, geht in diesem Monat an die Börse, und die Erwartungen sind hoch: Der Konzern, der über die Nutzerprofile von rund 850 Millionen Menschen verfügt, hofft, die Rekordsumme von mehr als fünf Mrd. US-Dollar zu erzielen. Damit würde der Wert des Unternehmens auf über 100 Mrd. US-Dollar ansteigen.
Doch nicht nur auf dem Börsenparkett bricht der Internetriese alle Rekorde. Täglich tauschen Facebook-Nutzer untereinander mehr als 250 Mio. Fotos und über 500 Mio. Nachrichten aus. Der weltweite Erfolg des sozialen Netzwerks hat somit auch unsere Kommunikationsgewohnheiten grundlegend verändert – und zugleich die Trennlinie zwischen privatem und öffentlichem Raum verschoben. Letztlich stellt sich damit die Frage, ob die Unterscheidung zwischen privat und öffentlich im „digitalen Zeitalter“ überhaupt noch Bestand haben kann.
Privatheit vs. Öffentlichkeit
Privatheit und Öffentlichkeit sind zwei Begriffe, die wir derzeit noch ohne Zögern verwenden und deren Konzepte uns im Alltag geläufig zu sein scheinen: Was wir zu Hause tun, ist privat, und was wir öffentlich tun, findet auf der Straße oder dem Marktplatz statt. Schon die Griechen unterschieden vom privaten Gehöft (Oikos) die Agora, auf der man sich versammelte und auf der Institutionen angesiedelt waren, die der Allgemeinheit dienten. Das Private wurde somit gerade in Abgrenzung vom Öffentlichen, der Angelegenheit aller, der res publica verstanden.
Das Auftreten der Medien veränderte jedoch alles. Die Schrift, die als Information sichtbar macht, was vorher fast immer körperlich an Menschen gebunden war, ermöglichte Durchbrechungen des Privaten, weil der Zugang zu den Schriftzeichen den Zugang zum Menschen ersetzt. Das Buch macht die Information reproduzierbar, so dass sie allerorten, wo das Buch ist, an Dritte gelangen kann. Der Fotoapparat konserviert das Äußere des Augenblicks, die Erscheinung der Dinge. Und diese Erscheinung nimmt auch die Fernsehkamera auf, nur dass sie diese via Sender über Geräte zu Empfänger-Massen multipliziert. Und alle diese Medien tragen (Informations-)Muster, die womöglich privat sind, hierhin und dorthin. Die Konzepte von Privatheit und Öffentlichkeit sind also von Information und Kommunikation (und einem Trägermedium) nicht zu lösen, und zwar weit bevor der Computer überhaupt erfunden wurde. Hinzu kommt, dass man schon bei diesen alten Medien die Verletzung des Privaten nicht ungeschehen machen und Schaden schwerlich kompensieren kann, weil der öffentliche Widerruf genauso wenig hilft wie eine Geldzahlung: Eine Information, die den Empfänger erreicht hat, setzt sich quasi in ihm fort. Pointiert gesagt: Die Bücherverbrennung kommt zu spät, wenn die Bücher gelesen sind. Kenntnisnahme ist ein unwiderruflicher Kopiervorgang von informatorischer Differenz, an dessen Ende die Differenz aufgehoben ist.
Natürlich sind heute Verletzungshandlungen nicht die Regel, weil wir gelernt haben, mit diesen technischen Innovationen umzugehen. Die Vorstellungen von Privatheit und Öffentlichkeit sind Erwartungshaltungen an unsere Umwelt in Bezug auf informatorische Sachverhalte. Man kann sich also vorstellen, dass jede dieser Innovationen den Umgang von Menschen mit Privatheit und Öffentlichkeit verändert hat, dass sie also alte Verhaltensmuster in Frage gestellt und neue soziale Normen geschaffen hat. Wir wissen heute beispielsweise, dass wir Plätze mit Menschen fotografieren dürfen, nicht aber ungefragt den Einzelnen aus nächster Nähe.
Allerdings hat die Gesellschaft jeweils lange gebraucht, um auf Fragestellungen Antworten zu finden, die von einer neuen Technik ausgelöst wurden. Diese Antworten betrafen nicht nur die Frage, in welcher Situation man Menschen fotografieren darf. Es ging beispielsweise darum, ob man Briefe an Fremde öffnen darf und, wenn ja, unter welchen Bedingungen. Es ging um die Frage nach der Behandlung von Kommunikationsakten wie Ehrverletzungen und Gewaltaufrufen. Das allgemeine Persönlichkeitsrecht wurde weiterentwickelt, das Presserecht geschaffen, Betretungsrechte im Mietrecht geregelt und vieles andere mehr. Und dennoch tauchen mit dem Auftreten des Computers völlig neue Fragen auf, die weit über das heiß umkämpfte Recht des Urhebers auf sein geistiges Eigentum hinausgehen.
Der Auftritt des Computers – und das „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“
Vor rund 40 Jahren begann der Computer den Alltag zu erobern – und speichert seither Daten. Dies gab den Impuls, den Datenschutz auszuweiten. Geregelt wird zunächst ein Kern, nämlich Ansprüche auf der Basis einer Vorstellung von „Herrschaft über Daten“. Diese werden regelmäßig „personenbezogen” und in Prozess-Schritten erhoben, verarbeitet und befinden sich in abgetrennten Systemen, die von Staat und Privatunternehmen kontrolliert werden.
Diesem Gedanken wiederum liegen Ideen aus dem späten 19. Jahrhundert zugrunde, vor allem das Right to privacy von Warren/Brandeis, wonach jedem Individuum das Recht zustehe, selbst zu bestimmen, inwieweit seine „Gedanken, Meinungen und Gefühle“, mithin personenbezogene Informationen, anderen mitgeteilt werden sollten. Vor fast 30 Jahren leitete das Bundesverfassungsgericht angesichts der umstrittenen Volkszählung das „Recht auf informationelle Selbstbestimmung” aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht ab. Es verwies auf das Recht des Einzelnen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen Daten zu bestimmen. Wer nicht wisse, was mit seinen Daten geschehe, werde andernfalls aus Vorsicht sein Verhalten anpassen, argumentiert das Gericht.
In modernen Demokratien spielen also von Beginn an zwei Rechtsaspekte eine wichtige Rolle. Erstens: Wie viel Privatheit ist zu gewährleisten, um das Grundrecht auf Privatheit nicht zu verletzen? Und zweitens: Inwieweit kann der Informationsfluss nicht nur gegenüber staatlichen Organen, sondern gegenüber allen gesellschaftlichen Teilen so gestaltet werden, dass er den demokratischen Meinungsbildungsprozess unterstützt?
Damit sind wir wieder beim Zweck der Agora im Stadtstaat angekommen, die dem Gemeinwohl diente. Pointiert gesagt: Damit der politische Prozess funktioniert, darf die Privatheit des einen nicht verletzt werden. Für die Meinungsbildung muss aber Wissen über andere irgendwie gewonnen werden (auch durch eigene Anschauung) – ein Paradoxon. Denn wie wollen wir über Armut als Phänomen beratschlagen, wenn die Informationen über Armut Einzelner nicht erhoben werden dürften? Der demokratische Aspekt gibt somit einen Transparenzimpuls in gesellschaftliche Systeme, die sich dann in technischen Informationssystemen niederschlagen. Diese sind wiederum potentielle Gefahrenherde für die im selben Atemzug ausgerufene informationelle Selbstbestimmung. Auch hier zeigt sich also die Spannung, dass einerseits Information fließen soll, die andererseits der Realität menschlichen Handelns entstammt und mitunter gar nicht anders als aus der Privatsphäre des Einzelnen abgeleitet werden kann.
Die Geburt des Internet
Dank des Internet hat die mediale Entwicklung in den vergangenen 20 Jahren erneut einen großen Sprung gemacht – und diese Spannung weiter erhöht. Denn das Internet als der dem Buch und den Massenmedien folgende mediale Umbruch hat nicht nur die Informationsverarbeitung der Menschheit allgemein verändert, sondern auch massive Auswirkungen auf Privatheit und Öffentlichkeit. Das Internet bringt Mechanismen mit sich, welche die informationelle Trennung von Innen und Außen aufheben, beispielsweise weil Informationen kopiert, abgeleitet und sogar neu erzeugt werden können. So hebt es die informatorische Differenz zwischen technischen Systemen, aber auch zwischen gesellschaftlichen Systemen auf. Grundsätzlich verschieben Internetmechanismen dabei die Grenze der Privatheit in dem Sinne, dass es mehr Öffentlichkeit und weniger Privatheit gibt: Information kann ja nur dorthin gelangen, wo sie bisher nicht war. Um die Frage der Beeinträchtigung der Privatsphäre zu beantworten, wäre zunächst jedoch der Begriff des Privaten einzugrenzen. Dafür gibt es zwei zentrale Theorieansätze: den der Sphären und den der Personae.
Die Vorstellung, den Menschen umgäben Ringe von Sphären, die wie Zwiebelschalen umeinandergelegt sind, ist vor allem im Recht noch anzutreffen. Außer der „Sozialsphäre“, in der der Einzelne mit anderen interagiert, ist die „Privatsphäre“ anerkannt, die „Intimsphäre“, sowie darin – die Intimsphäre enthaltend, aber mehr umfassend – ein „Kernbereich privater Lebensgestaltung“. Hinzu kommen die räumliche Sphäre (aus der Unverletzlichkeit der Wohnung) und die eheliche und familiäre Sphäre, aus Art. 13 Abs. I beziehungsweise Art. 6 Abs. I GG.[1]
Weiter entwickelt und heute verbreiteter als die Theorie der Sphären sind solche der Personae: Wir haben zwar eine personale Identität, bewegen uns aber in verschiedenen sozialen Strukturen mit verschiedenen Rollen. Wir zeigen in der Familie, unter Freunden, „Surf-Freunden“, im Sportverein und so weiter unterschiedliche Seiten von uns. Eine Information, mit der wir in einem sozialen Umfeld freizügig sind, wollen wir in einem anderen nicht preisgeben.[2]
Diesem Konzept fehlt es jedoch bereits an der erforderlichen Praktikabilität. Unterstellt man, dass dasselbe Modell auch auf die Online-Nutzung übertragen werden kann, so muss man feststellen, dass auch die besten Internetdienste die Personae bis heute nicht einmal modellhaft umsetzen können. Außerdem wären die Komplexität und die Bedienbarkeit nach heutigem Ermessen für normale Nutzer nicht beherrschbar.
Die größte Schwäche des Konzepts der Personae besteht allerdings darin, dass es eine Generalisierung von Lebenssachverhalten ohne Berücksichtigung von Einzelbeziehungen darstellt, obwohl unser Vertrauen – als die gerade für das Verhältnis von Meinungsfreiheit und Privatheit zentrale politische Kategorie – relativ gegenüber einzelnen Individuen entsteht.
Vertrauen als zentrale politische Kategorie
Wie auch immer man die kulturellen Wurzeln von Privatheit im Detail betrachten mag, sie haben mit Vertrauen zu tun: Wer darf was wissen? Und zwar entweder, ganz archaisch, weil wir befürchten müssen, dass eine Information ohne unsere Zustimmung oder unser Wissen Dritten zur Kenntnis kommt und uns dadurch Nachteile entstehen.
Gerade also in heutigen Zeiten ist potentiell jedermann ein Wissender, was uns die Entscheidung darüber, wen wir was wissen lassen, vor allem von dem Vertrauen abhängig machen lässt, dass er erstens uns keine Nachteile zufügt und zweitens diese Information nicht „leakt“. Während man bis vor kurzem noch gesagt hätte „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“, würde man heute sagen: „Vorsicht, jeder ist ein Wikileaks.“
Das Internet verschärft somit – gerade im Vergleich zum Buchdruck – den zentralen Konflikt. Denn eine Information im Internet können wir häufig nicht „verbrennen“. Im Gegenteil gibt es sogar gute Argumente dafür, dass wir eine alte Falschinformation als historische „Fehlleistung“ stehen lassen sollten wie die Gräueltaten in unseren Geschichtsbüchern, die wir ebenfalls nicht bereinigen. Was an Kommentaren der Individuen während der Kommunikation einander Kontext ist, ist eben auch das Ergebnis sozialer Interaktion und somit soziale Realität, die einfach ist, wie sie geschehen ist.
Hinzu kommt eine weitere Dimension. Ein Mehr oder Weniger an Vertrauen zwischen Menschen ist kein statischer Zustand, sondern wird vergeben, erworben und kann verloren gehen, ist also ein zeitlich gestreckter Prozess. Wer kennt nicht die Reue nach einem Vertrauensbruch, die Information überhaupt gegeben zu haben? Darüber hinaus nimmt die Komplexität zu. Vertrauen ist nicht nur Bedingung für bestimmte Kommunikation, sondern auch deren Ergebnis: Das Vertrauen erhöht sich, wenn eine Information vertraulich gehalten wird.
Neue Komplexität ist auch durch die Struktur der Beteiligtenverhältnisse entstanden. Zwar hat es immer schon Konstellationen mit drei Beteiligten gegeben, etwa wenn A mit C über B spricht oder wenn A ein Foto von B gemacht und dieses C gegeben hat. Unsere heutigen Rechtskonzepte gehen jedoch als Prototyp von einer Beziehung Bürger-Staat oder Bürger-Unternehmen aus, mithin von Zweierbeziehungen. Durch das breite Auftreten von Möglichkeiten, für jedermann im Web zu schreiben, sind jedoch einige der Massenphänomene Dreierbeziehungen, beispielsweise wenn Fotos Namen und Mailadressen zugeordnet werden. Dieses „Tagging” ist seit kurzem der Normalfall geworden, und zwar nicht nur in den großen sozialen Netzwerken, sondern auch bei Bilderdiensten, Bildbearbeitungsprogrammen und anderen Spezialanwendungen. Auch die Möglichkeit, fremde Adressdaten hochzuladen, ist inzwischen auf dem Weg zum Standard.
Hinzu kommen Bewertungsdienste wie Spickmich.de (Lehrer) und docinsider.de (Ärzte), die darauf abzielen, Informationen über bestimmte Bürger zu publizieren. Noch weiter gehen Dienste wie das inzwischen abgeschaltete rottenneighbour.com, auf denen anonym Cybermobbing betrieben werden kann. Wieder andere, wie Jigsaw.com, bezahlen Nutzer dafür, dass diese die Kontaktdaten Dritter eingeben und hierfür einen Dollar erhalten – Mikrodatenhandel in Heimarbeit. Und dahin, dass Dritte den Personen Orte zuweisen wie den Fotos bei where-is-this.com, ist es nur ein kleiner Schritt: „Check jetzt auch Deine Freunde ein und tu was für Euch alle“.
Der Bürger als Datensammler
Wir beginnen uns damit zu befassen, dass Bürger Daten von Bürgern erfassen. Diese Bürger sind keine Fachleute, und folglich ist ihnen die Tragweite ihres Handelns häufig nicht klar. Vom Gefühl, „mein Fotoalbum zu beschriften”, bis zur Vorstellung, auf einem fremden Dienst in der Cloud personenbezogene Daten Dritter abzulegen, ist es mitunter noch ein großer Schritt. In diesem Zusammenhang ist auch das „Sprechen über einen Dritten” zu erwähnen, dass es zwar schon in frühen Internetforen gab, mit maschinellen Analysen werden aber auch hier aus unstrukturierten Texten strukturierte, „harte” Daten gewonnen: Es ist kein Problem, aus Tweets mit Geburtstagsgrüßen das Geburtsdatum beinahe aller Twitterer zu ermitteln.
Und noch weitere Fragen tun sich auf: Darf der Staat auf derart gewonnene Daten zugreifen, oder besteht gegebenenfalls ein Verwertungsverbot? Lässt es sich dauerhaft wertungsmäßig unterscheiden, dass jedermann Fotos von Demonstrationen machen und diese im Internet veröffentlichen darf, wohingegen die Polizei an spezifische Voraussetzungen gebunden ist?
Schauen wir uns die IT-Systeme an, welche die Daten speichern, sieht es nicht anders aus. Während der Datenaustausch zwischen Privatunternehmen mit Großrechnern in den 1970er Jahren selten vorkam, tauschen heute Unternehmen alle möglichen Daten in standardisierten Formaten.
Dass überhaupt Unternehmen Daten in großem Umfang publizieren, ist ein Phänomen der Vernetzung via Internet. Aus den alten Solitären sind vernetzte Solitäre geworden. Heute haben wir die nächste Stufe erreicht: Daten werden zwischen Online-Diensten ausgetauscht, nur dass es diesmal hauptsächlich Kommunikation von Endnutzern betrifft. Theoretisch sind wir nun so weit, dass jede Information überall sein könnte, was nicht nur Informatiker vor Herausforderungen stellt, sondern auch Endkunden verstört: Ehe man sichs versieht, sind Daten in Drittsysteme repliziert.
Vom personalen zum „Systemvertrauen“?
Die erste fatale Konsequenz: Dem Laien ist nicht mehr klar, welches System eigentlich was wohin kopiert hat, die Vorstellung von getrennten Publikationen schwindet – das Internet ist eine einzige, große Publikation Milliarden verlinkter Seiten, das neue Buch der Bücher.
Die zweite Konsequenz: Es ist zunehmend unklar, wer eigentlich noch der Dienstanbieter erster Ordnung ist, der die Information als erster ins Internet speiste, und wer Anbieter zweiter Ordnung ist, der diese Information verbreitete. Und wer hat technisch und rechtlich die Kontrolle über den Replikationsvorgang? Kurzum: Es wird schwieriger, dem Autor seine (Text-) Symbole zuzurechnen und es wird auch schwieriger, die Institution zu identifizieren, der man vertrauen kann. Alle Information scheint überall.
Wo wir es bislang gewohnt waren, einzelne Personen, privatwirtschaftliche Unternehmen und staatliche Organe sowie bestimmte Sonderfälle wie NGOs zu erkennen, finden wir nun neue Anordnungen kommunizierender Menschen vor, die für uns in der digitalen Welt neu sind und die wir im Recht nicht als eigenständige Phänomene sehen. Entsteht hier aber stattdessen nun eine Art „Systemvertrauen” in die Plattform, den Marktplatz?[3]
Offensichtlich verbindet die Personen nur ein abstraktes Ziel, dass man ihre Fotos mit bestimmten Schlüsselwörtern wiederfinden möge. Aber ein gemeinsames Zusammenwirken dieser Art ist neu in der digitalen Welt. Wir finden Anordnungen von kommunizierenden Menschen vor, deren Dauer sehr unterschiedlich sein kann, deren Zweck mehr oder weniger bestimmt ist, die mehr oder weniger voneinander wissen und deren soziale Bindung unterschiedlich stark sein kann. Was wir im öffentlichen Raum noch als „Ansammlungen” oder „Versammlungen” kennen, zeigt sich in der digitalen Welt als amorphes „Etwas“, als dynamische „Un-Struktur“.
Im Extremfall wissen die Beteiligten nicht einmal, dass Daten gesammelt und bestimmten Zwecken zugeführt werden, beispielsweise bei Stauwarnern, die Bewegungsdaten übermitteln, und bei Diebstahlmelde-Diensten, die bestimmte Häuser als gefährlich erkennen lassen.
All das zerstört allerdings Vertrauen in Kommunikation. Dieser Effekt wird sich mit dem Internet of Things[4] verstärken, wenn noch mehr Dinge miteinander kommunizieren und erst recht niemand mehr weiß, was der Inhalt und die Folgen dieser Kommunikation sind. Die neuen sozialen Gefüge von der Crowd bis zu den „Un-Strukturen” verändern informatorische Sachverhalte gefährlich, weil sie anonym, schnell und von enormer Schlagkraft sein können. Gleichzeitig sind sie so jung, dass wir unsere Konzepte von Zurechnung und Verantwortung prüfen müssen: Wer ist hier Täter, wer ist Teilnehmer? Ist nicht jeder, der Webanalyse-Software betreibt oder „Gefällt mir“-Buttons einbaut, eher Gehilfe oder Werkzeug denn Täter? Oder werden wir neue Konzepte benötigen in einer Welt, die zigtausende Handelnde aktivieren kann?
Die neue Mega-Öffentlichkeit
Fest steht: Die Öffentlichkeit, die durch das Internet entsteht, hat nie gekannte Ausmaße. Jede Webseite, die nicht explizit einem geschlossenen Benutzerkreis zugeordnet wurde, kann von Milliarden Menschen eingesehen werden. Zusätzlich überwindet sie unsere gelernten Erfahrungen von Distanz und Nähe: Wir können in Sekunden zwischen New York, Rio und Dänemark hin und her klicken. Und schließlich überwindet das Web auch zeitliche Vorstellungen, denn grundsätzlich muss man sich die Daten unbegrenzt haltbar vorstellen. Diese drei Phänomene kennzeichnen die „Mega-Öffentlichkeit“, die uns bislang noch fremd ist.
Dabei ist paradox, dass auch die Öffentlichkeit unseres Hauses unbegrenzt ist: Jeder US-Bürger, jeder Brasilianer und jeder Däne kann an ihm vorbeispazieren und uns ins Fenster schauen. Bezüglich unseres Hauses sind wir aber doch recht sicher, dass außer ein paar Nachbarn und Menschen, die nicht weit von uns wohnen, niemand wirklich vorbeischauen wird. Dieses Urvertrauen fehlt uns im Digitalen, obwohl die Verhältnisse dort nicht anders sind: Es kommt ja nur auf unsere Website, wer sie angesteuert hat. Anders formuliert: Wie weit die Öffentlichkeit tatsächlich reicht, entscheidet der Empfänger.
Im Unterschied zur alten Welt jedoch wird er normalerweise nicht gesehen, während er selbst sieht und beobachtet. Die Unsichtbarkeit des Sehenden ist also ein weiteres Phänomen, das unser Vertrauen in das Internet radikal in Frage stellt. Und doch gibt es – bei aller Gefährdung des Privaten – nach wie vor Grenzen der Öffentlichkeit. Diese Trennung zwischen privat und öffentlich ist allerdings immer mehr gefährdet.
Dies bedeutet, dass ein bisher eher als privat empfundener Bereich nun mehr und mehr öffentlich wird. Eventuell werden wirtschaftliche Anreize die Nutzung beschleunigen („Drei Prozent auf Ihren Einkauf, wenn Sie Ihren Freunden das Produkt empfehlen“). Bei Spezialanbietern in sensiblen Bereichen, aber auch bei Vollsortimentern kann es zu unerwünschten Veröffentlichungen kommen, sei es technisch bedingt oder durch Fehlverhalten der Nutzer.
Seit den werbefinanzierten Internetangeboten hat sich die Sicht eingeprägt, der Nutzer eines Dienstes bringe seine Daten gegen eine Leistung des Dienstanbieters ein („Der Kunde ist das Produkt“). Dies gilt nicht nur, soweit die Auslieferung von Werbung in irgendeiner Weise maßgeschneidert ist, sondern auch, wenn andere Verwertungsformen (beispielsweise Direktansprachemöglichkeit durch Headhunter) bestehen oder der Anbieter selbst wiederum Nutzerdaten handelt. Hier entsteht gerade eine komplexe Schattenwirtschaft mit Daten, die auf diesem Grundmechanismus aufsetzt und immer neue Verwertungsmöglichkeiten identifiziert.
Außer dem klassischen Datenschutz könnten folgende weitere Aspekte unsere Gesellschaft künftig beschäftigen: Erstens könnte es Menschen geben, die aus finanziellen Gründen faktisch gezwungen sind, ihre Daten zur Verwertung anzubieten. Der wohl geringe wirtschaftliche Wert von einigen Euro ist nach der gegenwärtigen Schutzsystematik kein Grund, das Problem geringzuschätzen, denn maßgebliche Konsequenz ist die Preisgabe eines Freiheitsrechts. Zweitens könnte dieser Tauschaspekt den Umgang mit Daten im digitalen Zeitalter generell ändern. Drittens entstehen neue Geschäftsmodelle, zum Beispiel treten Dritte als Treuhänder von Daten auf oder Anbieter veröffentlichen Kaufdaten und entgelten dies dem Käufer. Viertens könnte ein echtes do ut des („Ich gebe, damit du gibst.“) die Tätigkeit der Dienstanbieter selbst ändern – sei es, dass sie den Nutzer als Kunden begreifen, sei es, dass sie sich um Kunden auch in dieser Hinsicht in Wettbewerb begeben, etwa dadurch, dass sie den Nutzern mehr Rechte in den Nutzungsbedingungen zuweisen.
Wege der De-Publizierung – und neue Ambivalenzen
Werden also die neuen Techniken tatsächlich zwangsläufig zu einem Verlust von Privatheit führen? Eine Prognose bleibt unsicher, solange nicht geklärt ist, ob die neuen Techniken nicht auch „Gegenmittel” hervorbringen – beispielsweise spezielle und geschützte Endgeräte, Blockademechanismen, großflächige private Netze und Ähnliches.
Besorgniserregend sind allerdings eine Reihe von Techniken, die Aussagen erzeugen können, die dem Nutzer nicht vorher erkennbar sind, namentlich Algorithmen zur Identitätsermittlung wie Autorenerkennung, aber auch Analysen von Verhaltensdaten – diese zielen direkt auf die Autonomie des Einzelnen. Kritisch sind auch identitätsaufdeckende Techniken, von der Gesichtserkennung bis zum Erstellen von „Fingerabdrücken” aus aller Art von Informationen. Die Gefahren könnten sich durch die Ausdehnung ins Internet of Things und Automatismen verstärken. Den ersten Vorboten sehen wir an Facebooks neuem Feature des ständigen Teilens (seamless sharing).
Die Aussage „Das Internet vergisst nichts” mag insofern als pädagogisch intendierter Rat richtig sein, fachlich ist sie in ihrer Unbedingtheit jedoch falsch. Ganze Dienste werden vom Netz genommen, weil die Unternehmen insolvent sind. Einzelne Online-Produkte rechnen sich nicht und werden eingestellt. Bei technischen Relaunches werden Kommentare nicht übernommen. Nutzerkommentare von eCommerce-Shops verschwinden, weil jährlich 30 Prozent des Artikelstammes aus dem Sortiment genommen werden. Öffentlich-rechtliche Anstalten sind zur „Depublikation“ verpflichtet, also dem Löschen ihrer Onlinebeiträge nach einer bestimmten Frist. Firmen nehmen alte Websites vom Netz, weil sie einen Relaunch machen. Vorstände begrenzen die Archivdauer von Websites auf gesetzliche Fristen, so dass ältere Pressemitteilungen verschwinden. Wer findet heute noch die Geschichten der sogenannten New Economy?[5]
Daraus folgt, dass im digitalen Medium Teile der Kommunikation verschwinden können, die mit Privatheit zu tun haben. Es gibt zudem eine Reihe bekannter Verfahren, wie im Internet Privatheit hergestellt wird. Das einfachste besteht in der Wahl eines Kommunikationsmittels, das den Austausch nur mit definierten Empfängeradressen ermöglicht, beispielsweise E-Mail oder Chat. Der Ausschluss undefinierter Teilnehmer findet aber auch bei geschlossenen Benutzergruppen statt, zum Beispiel in Foren. Zu den technischen Mitteln gehört auch, die gesamte Kommunikation in einen abseitigen Bereich zu verlegen, etwa durch Nutzung eines seltenen Ports. Künftig kann auch eine Möglichkeit darin bestehen, sich ein eigenes Netzwerk aufzubauen: Ad-Hoc-Mashups, neue Wireless-Dienste mit hoher Reichweite und Body-to-Body Networks[6] können die Kommunikationslandschaft neu prägen, indem sich viele Menschen für bestimmte Zwecke zeitweilig aus dem Internet ausschließen und stattdessen eigene Kommunikationsstrukturen nutzen.
Während der Inhalt auf den genannten Wegen jedoch leicht ermittelt werden kann, gehen zwei Techniken weiter: Anonymisierung verschleiert die Identität der Teilnehmer, Verschlüsselung codiert die Kommunikationsinhalte selbst mit einem Schlüssel, der nur berechtigten Personen zur Verfügung stehen soll. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Information zu verstecken. Das geht entweder mit hergebrachten Verfahren wie Geheimschriften und Geheimsprachen, aber auch mit neuen digitalen Mitteln, beispielsweise indem man die Information mit technischen Mitteln so in andere einbettet, dass sie nicht ohne weiteres erkannt wird (Steganographie).
Bei der Entwicklung dieser Techniken ist allerdings auffällig, dass es fast immer aufdeckende Gegenmittel gibt, vom Abhören unverschlüsselter Mails über den Port-Scanner bis hin zur Steg- und Kryptanalyse. Ambivalent ist die Frage nach Anonymität und Pseudonymität auch deshalb, weil diese zwar eine wünschenswerte Option darstellen, aber mit guter und mit schlechter Absicht eingesetzt werden können – und folglich sind auch die Entwicklungen ambivalent.
Viele Technologien sind noch sehr jung (Gesichtserkennung, Geokoordinatenermittlung, verschriftlichte Alltagskommunikation im Web mit Sozialen Graphen), bilden sich gerade erst heraus (Big Data, Semantic Web) oder sind noch Zukunftsmusik (Body-To-Body-Networks). Daher werden wir die Sachlage ständig beobachten, neu bewerten und bei der normativen Grenzsetzung flexibel bleiben müssen.
Weil das Tempo der weiteren Entwicklung auch in Zukunft alle Teilsysteme der Gesellschaft berühren wird, sind kurzfristige Überforderung im sozialen Gebrauch neuer Technik, Korrekturen technischer Fehlentwicklungen und die unangemessene Reaktion der Beteiligten ebenso wahrscheinlich wie Über- oder Unterregulierung. Doch dieser Umbruch ist aus einer historisch-kulturellen Perspektive nicht der erste. Zudem sind die hinter dem Phänomen verborgenen Konzepte, Strukturen, Probleme und Lösungen so alt, dass es überraschen würde, wenn die Menschheit die Vorteile des Umbruches nicht langfristig nutzen und die Nachteile beherrschen könnte.
Es ist heute noch nicht vorherzusehen, wer im Kampf der Methoden und Gegenmethoden die Oberhand behalten wird. Vielleicht werden die Privatheit brechende Verfahren eines Tages jedermann zur Verfügung stehen. Möglicherweise gelingt es bestimmten Menschengruppen auch, sich gut gegen Lauscher abzuschotten. Eines jedoch steht fest: Absolute Privatheit, die nicht gebrochen werden kann, gibt es im Internet nicht. Selbst ein guter Anonymisierungsdienst kann nur dann nicht abgehört werden, wenn man ihn selbst betreibt.
[1] Einen Überblick gibt http://www.cloeser.org/ext/Schutz%20der%20Privatsph%E4re.pdf.
[2] Typisch seien fünf Gruppen von bis zu zehn Mitgliedern. Vgl. Paul Adams, From influentials to small connected groups, in: www.thinkoutsidein.com, 30.5.2011.
[3] Vgl. Christiane Schulzki-Haddouti, Über Vertrauen – Luhmann revisited, in: www.blog.kooptech.de, 10.10.2008.
[4] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Internet_der_Dinge.
[5] Vgl. Christoph Kappes, Alles ist überall: Vergisst das Internet wirklich nichts? www.carta.info.
[6] Vgl. Duncan Geere, People Could Carry Future Phone Network Nodes, www.wired.com, 30.10.2010.
(aus: »Blätter« 5/2012, Seite 99-108)
Themen: Datenschutz, Medien und Technologiepolitik