Ausgabe November 2012

Linkes Scheitern, neues Beginnen

Die US-amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag nannte ihn „einen der faszinierendsten moralischen und literarischen Helden des 20. Jahrhunderts“. Für den italienischen Linksphilosophen Antonio Negri war er „einer aus dem Geschlecht der Riesen, ein Gigant im Kampf für Freiheit und kollektives Glück“, und für den Soziologen Mike Davis „der wahrscheinlich größte Arbeiter-Schriftsteller des 20. Jahrhunderts“. Der russische Dichter Jewgeni Jewtuschenko schließlich hat einmal berichtet, wie ihm bei einer Lesereise in Mexiko 1968 die Finger erstarrten, als ihm Freunde ermöglichten, auf der Original-Schreibmaschine von Victor Serge die Geister der Vergangenheit erneut zum Leben zu erwecken.

So bemerkenswert diese Zeugnisse sind, so hoffnungslos wäre das Ansinnen, Vergleichbares auch aus deutschem Munde zusammenzutragen. Hier ist Victor Serge nie wirklich angekommen. Dabei hatte es auch im alten Westdeutschland, vor allem im „roten Jahrzehnt“ der 1970er Jahre, nicht an Versuchen gefehlt, seine Arbeiten einem breiten Publikum bekannt zu machen. Serges „Erinnerungen eines Revolutionärs“ wurden mehrfach neu aufgelegt und gleichzeitig diverse seiner historischen Schriften, Essaysammlungen und Romane ins Deutsche übertragen.

November 2012

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Aktuelle Ausgabe Dezember 2025

In der Dezember-Ausgabe ergründet Thomas Assheuer, was die völkische Rechte mit der Silicon-Valley-Elite verbindet, und erkennt in Ernst Jünger, einem Vordenker des historischen Faschismus, auch einen Stichwortgeber der Cyberlibertären. Ob in den USA, Russland, China oder Europa: Überall bilden Antifeminismus, Queerphobie und die selektive Geburtenförderung wichtige Bausteine faschistischer Biopolitik, argumentiert Christa Wichterich. Friederike Otto wiederum erläutert, warum wir trotz der schwachen Ergebnisse der UN-Klimakonferenz nicht in Ohnmacht verfallen dürfen und die Narrative des fossilistischen Kolonialismus herausfordern müssen. Hannes Einsporn warnt angesichts weltweit hoher Flüchtlingszahlen und immer restriktiverer Migrationspolitiken vor einem Kollaps des globalen Flüchtlingsschutzes. Und die Sozialwissenschaftler Tim Engartner und Daniel von Orloff zeigen mit Blick auf Großbritannien und die Schweiz, wie wir dem Bahndesaster entkommen könnten – nämlich mit einer gemeinwohlorientierten Bürgerbahn. 

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