Ausgabe Juni 2013

Kurzgefasst

Asiem El Difraoui: Propaganda und Märtyrertum: Drei Jahrzehnte Videodschihad, S. 43 - 51

Der jüngste Terroranschlag auf den Boston-Marathon hat die Bedeutung dschihadistischer Indoktrination und Propaganda erneut unter Beweis gestellt. Gerade in westlichen Gesellschaften erfolgt ihre Verbreitung vor allem mit Hilfe von Videoaufnahmen. Der Politikwissenschaftler Asiem El Difraoui analysiert die unterschiedlichen Formen des „Videodschihads“ und fordert, die selbst ernannten Glaubenskrieger mit ihren Widersprüchen zu konfrontieren, um ihrer verheerenden Ideologie wirksam entgegenzutreten.

Peter Kwong: China vor der Revolution? Die Kommunistische Partei und die Korruption, S. 52 - 58

Korruption ist in der Kommunistischen Partei Chinas allgegenwärtig und untergräbt die Autorität der herrschenden Führungsriege. Peter Kwong, Professor für Asian American Studies am Hunter College in New York City, sieht das Ein-Parteien-System zunehmend in der Defensive. Kommt die KP den zunehmenden Forderungen nach politischen Reformen nicht nach, droht ihr das Auseinanderbrechen – und China in Anarchie zu versinken.

Guido Speckmann: Kolonialismus auf Samtpfoten. Die Handelspolitik der Europäischen Union, S. 59 - 66

In ihren Beziehungen zu den Staaten des globalen Südens beschwört die EU das Mantra des Freihandels und verurteilt Protektionismus. Doch Marktöffnungen haben für die Wirtschaften dieser Länder oft fatale Konsequenzen, die Erinnerungen an die Zeit des Kolonialismus wachrufen. Der Politikwissenschaftler Guido Speckmann entlarvt die Doppelmoral hinter der europäischen Handelspolitik: Denn wenn es der heimischen Wirtschaft nützt, greift die EU mitunter selbst auf protektionistische Maßnahmen zurück.

Harald Welzer: Der Konsumismus kennt keine Feinde, S. 67 - 79

Der Sinn des Lebens definiert sich mehr denn je über die schiere Erhöhung von Konsummöglichkeiten: Ich konsumiere, also bin ich. Harald Welzer, Professor für Transformationsdesign und Direktor der gemeinnützigen Stiftung „Futurzwei“, geht der Frage nach, warum diese Idee derart große Wirkmächtigkeit erlangte. Gegen die Ökonomisierung alles Sozialen führt er die moralische Ökonomie ins Feld – und die Urteilskraft der moralischen Intelligenz.

Klaus Günther: »Du musst Dein Leben ändern«. Die ethische Produktivität des Menschen und ihre Ausbeutung, S. 81 - 90

Ob in der Debatte über Uli Hoeneß Steuerhinterziehung oder den Missbrauch von Pola Kinski – stets werden heute auch Fragen des individuellen Lebensglücks verhandelt. Den Grund für das gesteigerte Interesse an individuellen Schicksalen entdeckt Klaus Günther, Professor am Institut für Sozialforschung in Frankfurt a. M., in den Wünschen, Zielen und Erwartungen des Menschen an sich selbst. In der kapitalistischen Moderne werde diese immer mehr von Ökonomie und Politik in Dienst genommen.

Isabell Lorey: Das Regime der Prekarisierung: Europas Politik mit Schuld und Schulden, S. 91 - 101

Speziell in Südeuropa erleben die Menschen derzeit eine Prekarisierung bisher nicht gekannten Ausmaßes. Doch auch in Europas Norden gehört prekäres Leben längst zur Normalität. Die Politikwissenschaftlerin Isabell Lorey erkennt darin eine neue Form des Regierens. Diese legitimiert sich nicht mehr über das Versprechen von Sicherheit, sondern funktioniert über die Herstellung von Unsicherheit – und über Verschuldung. Durch ihr Verhalten machen sich die Menschen in diesem Regime selbst regierbar, doch sie entwickeln auch neue Formen sozialen Protests – und der Demokratie.

Axel Troost und Nicola Liebert: Besteuerung mit Augenmaß: Vermögen ist nicht gleich Vermögen, S. 103 - 110

Um die Wohlhabenden stärker an der Finanzierung des Gemeinwesens zu beteiligen, fordern sowohl SPD als auch Linkspartei die Wiedereinführung der Vermögensteuer. Axel Troost, finanzpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Die Linke, und die Publizistin Nicola Liebert sprechen sich für eine differenzierte Berechnung einer solchen Steuer aus: Nur wenn man Vermögen nicht über einen Kamm schert, wird Steuergerechtigkeit gewährleistet und die Vermögensteuer gesellschaftlich akzeptabel.

Frieder Otto Wolf: Die große Transformation der Religionen, S. 111 - 118

Wie können sich Religionen auf die Gegebenheiten moderner Gesellschaften einstellen? Der Philosoph und Politikwissenschaftler Frieder Otto Wolf ist davon überzeugt, dass sich Religionen nur behaupten können, wenn sie ihre Riten und Praktiken grundlegend erneuern. Erst dann sind alle Kirchen- und Religionsgemeinschaften wirklich mit modernen Verhältnissen kompatibel – und erst dann können sie auch die individuellen Grundrechte ihrer Anhänger wie auch die der anderen Bürger wahren.

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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