Ausgabe Januar 2005

Der Auschwitz-Prozess und seine Lehren

Mit allzu großer Verzögerung sind die Prozesse zur Aburteilung der NS-Verbrechen in Gang gekommen. Das ist kein Versäumnis der Justizbehörden, sondern der Stellen, denen nach 1945 die Aufgabe gestellt war, den Geist auszuräumen, der die Gräuel in Auschwitz und in so vielen anderen Vernichtungsstätten vorbereitet und die geistigen und materiellen Voraussetzungen dafür geschaffen hat, sowie die unmittelbar Schuldigen baldigst zur Rechenschaft zu ziehen, die solche Übeltaten begangen haben. Nach Verkündung des Gesetzes zur Bekämpfung des Nationalsozialismus und des Militarismus im März 1946 und den Nürnberger Prozessen hätten neben oder statt Spruchkammern Gerichte zur Aburteilung von NS-Verbrechen in Funktion gesetzt werden müssen. Dies wäre nach 1946, als die schlimmsten Schock- und Zerfallswirkungen des Krieges ausgestanden waren, möglich gewesen, wenn

1. die Siegermächte des Westens mit ihrem Vorhaben der Umerziehung unseres Volkes - der bekannten Re-Education - vom Geist der Gewalt zum Geist der Menschlichkeit, der Vernunft und des konstruktiven Denkens Ernst gemacht hätten,

2. sie das in ihrem Besitz befindliche Beweismaterial zur Verfügung gestellt hätten und

3.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der Genozid-Vorwurf gegen Israel und die deutsche Verantwortung

von Albrecht von Lucke

Von den zahlreichen Kriegs- und Krisenbrennpunkten der Gegenwart, von der Ukraine über Iran bis zum Sudan, erregt wohl keiner so sehr die Gemüter wie der Israel-Palästina-Konflikt. Und fast immer taucht dabei der Vorwurf des »Genozids« gegenüber Israel auf.

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.

Micha Brumlik: Ein furchtloser Streiter für die Aufklärung

von Meron Mendel

Als die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel überfiel und anschließend der Krieg der Netanjahu-Regierung in Gaza begann, fragten mich viele nach der Position eines Mannes – nach der Micha Brumliks. Doch zu diesem Zeitpunkt war Micha bereits schwer krank. Am 10. November ist er in Berlin gestorben.