Ausgabe August 2000

Bermudadreieck Kanzleramt

"Tragisch" sei die Art und Weise, in der Helmut Kohl sein eigenes Lebenswerk und sein Bild in der Geschichte zerstöre, sagen sowohl Parteifreunde als auch politische Gegner des Altkanzlers unter Hinweis auf dessen starrköpfiges Verhalten im parlamentarischen Untersuchungsausschuß. Eine verräterische Formulierung. Der Duden definiert den Begriff der Tragik als "unverdientes Leid, das den außenstehenden Betrachter durch seine Größe erschüttert". Im Kopf haben die meisten derjenigen, die in diesen Tagen und Wochen von Tragik sprechen, diese Definition gewiß nicht. Aber durchaus im Gefühl: Sie möchten gerne außenstehende Betrachter des CDU-Spendenskandals sein - ob sie dieser Partei nun angehören oder nicht. Darüber hinaus eint der Wunsch, den weltweit geachteten Kanzler der Einheit möge sein Schicksal unverdient getroffen haben, die politische Klasse in Deutschland über alle trennenden Grenzen hinweg.

Dieser Wunsch ist nicht erfüllbar. Helmut Kohl hat die CDU 25 Jahre lang geführt und geprägt, und er war 16 Jahre lang Regierungschef der Bundesrepublik. Er wäre selbst dann der Hauptverantwortliche für den Spendenskandal seiner Partei, wenn er persönlich nie einen Geldschein in die Hand genommen hätte.

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.