Ausgabe September 2004

Der Nationalsozialismus in transnationaler Perspektive

2004 hat sich in Deutschland und in Europa eine Tendenz fortgesetzt, die bereits seit einiger Zeit zu beobachten war: der Trend zur Europäisierung des öffentlichen Gedenkens an die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und damit an eine Vergangenheit, für die radikale Ideologien, zwei Weltkriege, Massenmord und Vertreibung die Leitmotive bilden. Die Erklärung zur Bildung eines europäischen Netzwerkes zu Flucht und Vertreibung, Gerhard Schröders Teilnahme an den Gedenkfeiern in der Normandie im Juni und in Warschau im August sowie die Fortentwicklung der Erinnerung an den Holocaust zum Bestandteil einer europäischen Identität verdeutlichen diese Entwicklung.

Auf den ersten Blick scheint sich Europa so im gemeinsamen Erinnern an sein trennendes Erbe zu vereinigen. Gleichzeitig hat das Gedenken an die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts viel spaltende Kraft, sowohl innerhalb europäischer Staaten als auch zwischen ihnen: Litauen ringt mit dem doppelten Erbe von Nationalsozialismus und Stalinismus und der Frage der Vergleichbarkeit; in Frankreich, Norwegen und anderswo blitzt die Debatte über das Verhältnis von Widerstand und Kollaboration immer wieder auf; der Streit um Flucht und Vertreibung belastet bis heute das Verhältnis zwischen Tschechen, Polen und Deutschen. Alte Konfliktlinien werden so offensichtlich, und häufig ist es die europäische Erfahrung mit der NS-Zeit, an der sich die Auseinandersetzungen entzünden.

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Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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