Alle tun es: Der Papst für die Inquisition und für die Kreuzzüge, Bill Clinton (im Namen des "Westens"!) für die Sklaverei, der Bundespräsident in Griechenland für die dort von Deutschen begangenen NS-Verbrechen, der Außenminister für die Prügel, die er einem Ordnungshüter verabreicht hat (in seiner, des Außenministers, zurückliegenden Eigenschaft als Straßenkämpfer), die PDS für den "Anschluß", den 40 Jahre vor Anschluß der DDR ihre "Vorgänger" der SPD verordnet hatten. Andere sollen es tun, wollen aber nicht so recht: Die Regierung Australiens bei den Ureinwohnern, Chirac und Jospin beim algerischen Volk für die Verbrechen während des Algerienkrieges, Japan bei den Koreanern für die "Trostfrauen", und auf die Entschuldigung der PDS in Sachen SPD-Anschluß folgt prompt die Forderung, die SPD solle sich gefälligst endlich für die von ihr zu verantwortenden Berufsverbote entschuldigen. Wieder andere hängen sich an den rollenden Wagen und publizieren wöchentlich eine (mehr oder minder ernst gemeinte) Entschuldigung bei einer Person des "öffentliches Lebens", der wirklich oder vermeintlich Unrecht geschehen ist (wie die "Süddeutsche Zeitung").
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.