Ausgabe April 2004

Maut und mehr

Toll Collect oder der Ausverkauf der Politik

Die Farce um das Mautsystem Toll Collect wäre wohl völlig entscheidungslos weitergegangen, wenn es nicht einen Restbestand demokratischer Korrekturmechanismen gegeben hätte: Weil er zu Recht ein katastrophales Abschneiden seiner Partei SPD bei den Bürgerschaftswahlen am 29. Februar in Hamburg befürchten musste, gab Bundeskanzler Gerhard Schröder schließlich doch die Anweisung, den Vertrag mit dem Konsortium DaimlerChrysler/ Deutsche Telekom endlich zu kündigen.1 Die beiden deutschen Topunternehmen hatten die Bundesregierung monatelang an der Nase herumgeführt. Der zum 31. August 2003 vereinbarte Start des Mautsystems war mehrmals verschoben worden. Und immer wieder hatte der zuständige Verkehrsminister Manfred Stolpe eine "christliche Eselsgeduld" (Stolpe) gezeigt und sich so zum Gespött der Bevölkerung und der Weltpresse gemacht.

Doch die am 19. Februar 2004 ausgesprochene Kündigung war nur ein symbolischer Befreiungsschlag. Rechtlich und faktisch ist die Bundesregierung so fest in den Fängen des Toll-Collect-Konsortiums, dass sich ohnehin kaum etwas Wesentliches ändern konnte. Eine tatsächlich finanziell entlastende Kündigung war schon deshalb unmöglich, weil die Haftungs- und Entschädigungsregularien offensichtlich so ungünstig für die Bundesregierung sind, dass ein endloser juristischer Streit in Aussicht stünde.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Aliens unter uns?

von Ferdinand Muggenthaler

Es war ein dramatischer Appell an den chinesischen Präsidenten Xi Jinping und Donald Trump, der Ende März in der „New York Times“ erschien. Es ging dabei jedoch nicht um die Klimakrise oder eine Friedenslösung für die Ukraine. Stattdessen forderte der Kommentator Thomas L. Friedman die beiden mächtigen Männer auf, die Künstliche Intelligenz einzuhegen.

Zuckerbergs Kniefall: Meta ist jetzt MAGA

von Johannes Kuhn

Als Donald Trump am 20. Januar zum zweiten Mal den Amtseid ablegte, bot sich ein surreales Tableau: Hinter der Familie des Präsidenten standen Mark Zuckerberg, Elon Musk, Jeff Bezos und Sundar Pichai – die mächtigsten Tech-Tycoons der Welt, vereint im Schatten eines Mannes, der einst als politischer Paria galt.