Ausgabe Mai 2010

Geschichte als Waffe

Erinnerungskultur in Europa und die Aufgabe der Gedenkstätten

Unter der Überschrift „Das Jahr 1989 feiern, heißt auch, sich an 1939 zu erinnern!“ erschien im August vergangenen Jahres in einer großen überregionalen deutschen Wochenzeitung eine von der derzeitigen Bundesbeauftragten für die Unterlagen der ehemaligen Staatssicherheit der DDR Marianne Birthler und ihrem Vorgänger Joachim Gauck initiierte Anzeige, die von zahlreichen Persönlichkeiten unterschrieben wurde, darunter auffallend viele Historiker gerade auch aus dem linksliberalen Spektrum. Nun ließ der Titel zunächst vermuten, dass es den Initiatoren um die Mahnung ging, in dem multimedialen Dauergewitter der verschiedensten Aktivitäten zum

20. Jubiläum des Mauerfalls den keinesfalls ganz unwichtigen 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 zu vergessen. Doch bereits die Unterzeile enttäuschte all jene, die möglicherweise auf ein solches Zeichen gehofft hatten.

Es handelte sich nämlich um eine Erklärung zum 70. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes am 23. August 1939. Der Text enthält viele ausgewogene, sensible und richtige Sätze über die historische Bedeutung dieses Paktes der beiden Diktatoren. Doch die mit der Erklärung verbundene erinnerungspolitische Zielrichtung wird erst im letzten Satz und nur quasi en passant eingeführt.

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.