Ausgabe Dezember 2010

Sarrazins Legende vom klugen Gen

Man stelle sich vor, Sarrazin hätte bei seinem Bestseller auf die brisante Melange aus provokanter Wortwahl und Biologismus verzichtet. In Deutschland gäbe es dann lediglich ein „Sachbuch“ mehr zum leidigen Thema Bildungspolitik und den trüben Aussichten für die nächsten Generationen. Kaum jemand hätte daran großes Interesse gezeigt, niemand sich darüber aufgeregt. Doch Sarrazins waghalsige Bezugnahme auf die Evolutionsbiologie, die Vererbbarkeit von Intelligenz und die „enorme Fruchtbarkeit“ der muslimischen Mitbürger als Stütze seiner politischen Hauptthesen haben dem vorgebeugt. Seine hitzigen Ausführungen – die ihre Dummheit vererbenden Muslime breiteten sich zunehmend in Deutschland aus, während die eingeborene Bevölkerung und damit die vererbte Intelligenz ausstürben – haben in Medien, Bevölkerung und Politik gewaltige Wellen geschlagen, die noch lange nicht verebbt sind.

Die großen, überregionalen Tageszeitungen und auch „Zeit“ und „Spiegel“ haben nicht nur der politischen Kritik an Sarrazins Buch Raum gegeben, sondern ebenso den Unterstützern und Verteidigern ganze Seiten zur Verfügung gestellt. In zahlreichen Artikeln wird Sarrazin eifrig bescheinigt, dass er im Großen und Ganzen doch nur den Stand der Wissenschaft referiere – unter anderen von den Psychologen, die einen Teil seiner Quellen ausmachen.

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Wissenschaft

Indoktrination und Militarismus

von Irina Rastorgujewa

Am Morgen des 24. März hängten unbekannte Aktivisten eine Schaufensterpuppe, die die antike römische Göttin Minerva darstellt, am Denkmal des Grafen Uwarow in der Nähe des Hauptgebäudes der Staatlichen Universität St. Petersburg auf. In der Hand der antiken Schutzherrin der Wissenschaften befand sich ein Zettel mit der Aufschrift „Die Wissenschaft ist tot“.