Ausgabe April 2014

Kurzgefasst

Andreas Kappeler: Das zerrissene Land. Der Kampf um die Ukraine und ihr historisches Erbe, S. 43-52

Mit der Loslösung der Krim droht die Krise in der Ukraine weiter zu eskalieren. Dochwährend die politischen Akteure um eine pro-westliche oder pro-russische Ausrichtung des Landes ringen, entwirrt der Geschichtswissenschaftler Andreas Kappeler Mythen und Fakten um dessen Zugehörigkeit. Sein Fazit: Auch wenn die Ukraine stets zu Europa gehörte, resultiert daraus keine zwingende Zugehörigkeit zu Europäischer Union oder gar dem Westen.

Nando Belardi: Ruanda 1994: Genozid in hundert Tagen, S. 53-63

In diesem Monat jährt sich zum 20. Mal der Beginn eines Völkermords, der in wenigen Monaten bis zu einer Million Menschen das Leben kostete – der schnellste Genozid der Geschichte. Wie konnte auf derart effiziente Weise gemordet werden, fragt der Sozialwissenschaftler Nando Belardi. Inwiefern wurden die Massaker geplant und vorbereitet – und welche Rolle spielte dabei die internationale Gemeinschaft?

Tamara Ehs: Welt ohne Gericht. Die stets vertagte Völkerrechtsrevolution, S. 65-72

Der aktuelle Konflikt um die Ukraine, aber auch das anhaltende Morden in Syrien zeigen aufs Neue, wie wenig handlungsfähig die völkerrechtlichen Institutionen im Fall eines Rechtsbruchs sind. Als Politikwissenschaftlerin und Institutionenforscherin wirft Tamara Ehs einen kritischen Blick auf die historische Genese des Völkerrechts. In einer echten Völkerrechtsgemeinschaft, so ihr Fazit, muss eine Verrechtlichung aller internationalen Konflikte das Ziel sein, um durch Gerichte Verbrechen präventiv zu verhindern.

Thomas Gebauer: Jenseits der Hilfe: Von der Wohltätigkeit zur Solidarität, S. 73-79

Hilfe in Notsituationen ist ethische Pflicht – ohne diesen Grundsatz in Frage zu stellen, übt Thomas Gebauer, Geschäftsführer der Hilfsorganisation medico international, Kritik an „Hilfe“ als unhinterfragtem Paradigma. Hilfe, vor allem Entwicklungshilfe, stütze einen Neoliberalismus, der gesellschaftliche Verantwortung als Einsparpotential betrachte. Gebauer fordert stattdessen ein Neudenken von Unterstützung vor dem Ideal eines Guten Lebens für Alle.

Elmar Altvater: Die Kontrolle der Zukunft. Edward Snowden und das neue Erdzeitalter, S. 81-89

Bereits seit Jahren sprechen Geowissenschaftler vom „Anthropozän“– dem „vom Menschen gemachten Erdzeitalter“. Doch erst seit 2013 veränderte Edward Snowden unser Wissen um den Einfluss der Geheimdienste. Der Politologe Elmar Altvater verknüpft die Themenkomplexe Datenspeicherung und Ressourcenausbeutung und kommt zu einer dramatischen Diagnose: Das kapitalistische System leidet an einer globalen Kontrollphantasie, um die Zukunft des Menschen wie des Planeten zu beherrschen.

Dieter Senghaas: Europa, China, Arabellion: Die Zukunft der Zivilisierung, S. 91-98

Im Kontext aufstrebender BRICS-Staaten und emanzipatorischer Bewegungen in den Arabischen Ländern wird der Wert von „Zivilisierung“ als westliches Exportgut stark in Frage gestellt. Der Friedensforscher Dieter Senghaas spricht sich für eine Relativierung der westlichen Perspektive aus und gibt einen Überblick über global konkurrierende Verständnisse von „Zivilisierung“. Um eine friedliche Entwicklung zwischen den Staaten zu gewährleisten, bleibe jedoch eine pluralistische, aber friedliche Konfliktbearbeitung im Innern der Staaten von zentraler Bedeutung.

Karin Priester: Governance in Europa: Auf dem Weg in die Postdemokratie?, S. 99-110

Zum achten Mal finden im Mai die Wahlen zum EU-Parlament statt. Die von 500 Millionen EU-Bürgerinnen und Bürgern gewählte Volksvertretung hat jedoch nach wie vor wenig Einfluss. Die Historikerin und Politikwissenschaftlerin Karin Priester warnt eindringlich vor autoritären Tendenzen auf EU-Ebene. Gegen technokratische Good Governance – aus Management, Effizienz und Kommunikationsstrategien – gelte es das Prinzip demokratischer Einflussnahme zu stärken.

Wolfgang Martynkewicz: Vom »Willen zum Kampf« zur Weltentfremdung. Zu Leben und Aktualität Max Webers, S. 111-119

Am 21. April jährt sich zum 150. Mal der Geburtstag Max Webers und längst ist der Klassiker der Soziologie bis ins Kleinste seines Privatlebens ausgeleuchtet. Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Martynkewicz zeichnet dagegen ein eminent politisches Bild des hoch einflussreichen Denkers: Wie er sich verhielt in einer Zeit von Widersprüchen und letztlich immer Wissenschaftler blieb – trotz des Willens zur Politik.

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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