Ausgabe August 2015

Kurzgefasst

Stephan Schulmeister: Europa auf die Couch! Eine politische Familientherapie zur Lösung der Griechenlandkrise, S. 37-46

In letzter Sekunde wurde Griechenlands Ausstoß aus der Eurozone verhindert, doch die tieferliegenden Probleme sind damit in keiner Weise gelöst. Der Ökonom Stephan Schulmeister analysiert die griechisch-europäische Beziehungskiste und das Dilemma wechselseitiger Schuldvorwürfe. Sein Fazit: Den Anderen erziehen zu wollen, ist eine denkbar schlechte Idee. Die einzige Chance besteht darin, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen.

Pierre Bourdieu: Der Triumph des Neoliberalismus. Eine Utopie grenzenloser Ausbeutung wird Realität, S. 47-54

Die griechische Tragödie hat gezeigt, dass und wie sich der Neoliberalismus in Europa trotz massiver Proteste auf ganzer Linie durchgesetzt hat. Wohl niemand hat sich mit dessen Ideologie so tiefgehend beschäftigt wie der Soziologe Pierre Bourdieu, der am 1. August dieses Jahres 85 Jahre alt geworden wäre. Schon vor bald 20 Jahren forderte er: Um die Zerstörung sämtlicher kollektiver Strukturen zu verhindern, muss die Bewahrung sozialer Restbestände als subversive Strategie verstanden werden.

David Harvey: Katastrophenkapitalismus, Teil II. Totale Entfremdung und die Revolte der Natur, S. 55-67

Der Kapitalismus, so die heimliche Hoffnung seiner Kritiker, könnte an den durch ihn ausgelösten Naturkatastrophen zugrunde gehen. Der Geograph und Globalisierungstheoretiker David Harvey zeigt jedoch im zweiten Beitrag seines Dreiteilers zum „Katastrophenkapitalismus“, wie dieser die Widersprüche zwischen Natur und Kapital „produktiv“ macht – und so gestärkt überlebt. Durch Palliativmaßnahmen wird dieser Entwicklung nicht beizukommen sein, stattdessen bedarf es einer Revolte der Natur.

Pankaj Mishra: Der neue Cybernationalismus. China und Indien auf der Suche nach einer »alternativen Moderne«, S. 69-78

Was ist an Chinas Regierung eigentlich kommunistisch? Und ist der Hindu-Nationalist Narendra Modi wirklich ein Demokrat? Fest steht: China wie Indien bewegen sich auf einen kapitalismusaffinen Autoritarismus zu. Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra zeigt, wie dabei höchst disparate ideologische Versatzstücke, vom Kastensystem bis zum Sozialismus, integriert werden – auf der Suche nach einer „alternativen Moderne“ des Ostens.

Klaus Müller: Die gescheiterte Revolution. Wie die Oligarchen den Maidan übernahmen, S. 79-88

Als um die Jahreswende 2013/2014 die Revolution in der Ukraine anhob, hatte sie von Anfang an den Segen der EU. Bewusst übersehen wurde dabei, dass die neuen Machthaber in keiner Form mit den oligarchischen Strukturen im Land gebrochen hatten. Der Politologe Klaus Müller kommt zu einem fatalen Ergebnis: Im Streit weniger superreicher Männer um die Vorherrschaft wurden die Spaltung des Landes und die Kooperation mit neofaschistischen Gruppen bereitwillig in Kauf genommen.

Wolfgang Zellner: Entfeindung durch Dialog. Ein Weg vom heißen Krieg in der Ukraine zum Frieden in Europa, S. 89-98

Durch die neue amerikanische Zurückhaltung stehen die EU und vor allem Deutschland im Ukrainekonflikt in der ersten Reihe. Doch der deutsche Anspruch, Verantwortung für den Frieden in Europa zu übernehmen, bleibt bislang unerfüllt, so die Bilanz von Wolfgang Zellner vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik. Umso mehr komme es darauf an, sich wieder in die Lage des Gegners hineinzuversetzen und zu einer Politik der Deeskalation zurückzukehren.

Inken Behrmann: D-Mark, Familie, Vaterland: Die AfD nach Lucke,
S. 99-107

Während sich das Bild der traditionellen Familie und der ethnisch homogenen Nation immer mehr auflöst, erkennt die AfD hier das zentrale Kampffeld der Zukunft. Die Politikstudentin Inken Behrmann analysiert Chancen und Strategien der AfD nach dem Abgang Bernd Luckes. Ihre These: Reaktionäre Familienpolitik und radikale Islamfeindlichkeit bergen das Potential für eine besonders hohe emotionale Anschlussfähigkeit und damit ein enormes Spaltungsrisiko für die bundesdeutsche Gesellschaft.

Dieter Grimm: Charlie Hebdo und der Rechtsfrieden. Brauchen wir eine neue Balance zwischen Pressefreiheit und Religionsschutz?, S. 108-120

Der Anschlag auf die Redaktion des Satireblatts „Charlie Hebdo“ zeigte es in aller Deutlichkeit: Was für die einen der Inbegriff der Meinungsfreiheit ist, stellt für die anderen eine unerträgliche Gotteslästerung dar. Dabei sind im modernen Verfassungsstaat sowohl Meinungs- als auch Religionsfreiheit geschützt, wie der ehemalige Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm luzide nachzeichnet. Allerdings müssten gerade multikulturelle Gesellschaften neu über einen religionsspezifischen Schutz nachdenken.

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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