Ausgabe April 2019

Parlamentarismus am Nullpunkt

Im 100. Jahr des Beginns der Weimarer Republik, dem 70. Jahr des Grundgesetzes und dem 30. des Mauerfalls befindet sich die parlamentarische Demokratie in einer tiefen Krise – und zwar weit über die Bundesrepublik hinaus, die, schaut man auf das europäische oder gar globale Umfeld, noch immer verhältnismäßig gefestigt erscheint.

Derweil hat das Geburtsland des Parlamentarismus, Großbritannien, seine tiefe Krise in den letzten Wochen und Monate eindrücklich unter Beweis gestellt. Dabei war die Vorstellung vom englischen Regierungssystem als einem „government by discussion“ längst zum Mythos geworden, ist doch die direkte Konfrontation von Regierung und Opposition im schmalen Parlament von Westminster ebenso üblich wie im Bundestag selten. Doch allen boulevard-theater-reifen „Order“-Rufen des obersten Dirigenten zum Trotz ist die Debatte in Westminster inzwischen längst zum inhaltsfreien Ritual verkommen. 

Demgegenüber gilt der Bundestag als ein Arbeitsparlament, das mit seinen zahlreichen Ausschüssen seine Leistungsfähigkeit unspektakulär und effizient unter Beweis stellt. Allerdings wird durch den Einzug der populistischen AfD das vormals reibungslose Funktionieren hart auf die Probe gestellt. Wie dieser Krise der Demokratie gegenzusteuern ist, ist höchst umstritten.

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In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social-Media- kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während der Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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