»Die Einheit ist ein schwieriger, langwieriger Prozess« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Die Einheit ist ein schwieriger, langwieriger Prozess«

Studie des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zum deutschen Einigungsprozess, 22.7.2015

Wer in den vergangenen 25 Jahren in Deutschland geboren wurde, und das sind immerhin rund 19 Millionen Menschen, kennt die unterschiede zwischen DDR und BRD vielleicht gerade noch aus Erzählungen oder dem Schulunterricht. Die mit allen Sinnen wahrnehmbaren Eigenheiten des DDR-Alltags sind verschwunden: das Fehlen von Farbe im Einheitsgrau des Ostens ebenso wie das röchelnde Klackern der Zweitaktmotoren auf den mit Betonplatten ausgelegten Straßen oder der Gestank der Braunkohlefeuerung während der Heizperiode, die mitunter zwölf Monate zu dauern schien. Das triste Bild entsprach dem zustand der maroden Volkswirtschaft.

Bald nach dem Mauerfall drang der Westen so knallig farbenfroh gen Osten vor, dass manche Zeitgenossen die lange befürchtete imperialistische Invasion heranrollen sahen: Als die ersten Plakatwände an die bröselnden Hauswände zwischen Greifswald und Gera geschraubt waren, um für Westprodukte zu werben, sah das aus, als seien Außerirdische gelandet.

Im Jahr 1990 kamen zwei denkbar unterschiedliche staatliche Gebilde an der Grenzlinie zwischen zwei verfeindeten, bis an die zähne atomar hochgerüsteten Systemen zusammen, um sich friedlich zu einem Staat zusammenzuschließen. Allein dass dies gelang, ist ein Wunder, das historische Vergleiche sucht. Kein Zusammenschluss einst getrennter Staaten mit derartig unterschiedlichen politischen Systemen hat je so reibungslos geklappt.

Doch diese Vereinigung war und ist weitaus schwieriger zu bewerkstelligen, als im Überschwang der Einheitsfeiern gedacht. Auch wenn die Landesteile nur 41 Jahre getrennt waren – also während nicht einmal zwei Generationen –, hatten West und Ost ihre Bürger so unterschiedlich sozialisiert, dass ein rasches zusammenwachsen im Nachhinein utopisch erscheint. Die Menschen im Westen waren mehrheitlich der Überzeugung, dass sie eher durch Tatkraft als durch Zufall dem richtigen System angehörten. Schließlich hatten sie das Wirtschaftswunder vollbracht und aus den Trümmern von Drittem Reich und zweitem Weltkrieg eine der erfolgreichsten Wirtschafts- und Wissenschaftsnationen der Welt aufgebaut.

Dass dieses zur Selbstgefälligkeit neigende Selbstbild zu Spannungen mit den Menschen aus dem Geschwisterstaat im Osten führen musste, war kaum zu vermeiden. Da ein starkes, erfolgreiches Gemeinwesen und ein gescheitertes System zusammenkamen, sei doch klar gewesen, dass die einen die Lehrmeister und die anderen die Lehrlinge sein würden, hat der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse einmal gesagt. Die DDR war so heruntergewirtschaftet, dass sie sich trotz eines übermächtigen Polizei- und Stasiapparats nach den friedlichen Protesten ihrer Bürger ohne große Gegenwehr quasi selbst auflöste. Das Ende der DDR war für das Regime eine Kapitulation vor dem eigenen Versagen und vor dem Mut der Protestierenden.

Wie kaputt der Osten war, zeigte sich nicht nur an den tatsächlichen Wirtschaftsdaten Ende der 1980er Jahre, welche die Parteiführung stets zu verschleiern wusste und die auch im Westen nicht in diesem umfang bekannt waren. Sondern auch daran, dass die komplette Infrastruktur, Wohnhäuser, Fabrikanlagen, Straßen, Eisenbahnlinien, Telefonnetze und Wasserleitungen über Jahre so stark vernachlässigt worden waren, dass sie über Nacht wertlos wurden. Viele unternehmen hatten im Grunde einen negativen Buchwert. Denn nach ihrer Abwicklung war ein Milliardenaufwand nötig, um die Umweltschäden der DDR-Wirtschaft, die verseuchte Chemielandschaft um Bitterfeld, die Altlasten von Braunkohle und Uranerzabbau zu beseitigen. Erst danach waren viele Gebiete überhaupt wieder sicher bewohnbar.

Wie reich der Westen gewesen sein muss und das vereinte Land über all die Jahre geblieben ist, zeigt sich daran, dass Deutschland heute trotz eines West-Ost-Transfers von bisher rund zwei Billionen Euro als stärkste Volkswirtschaft Europas dasteht. Der Transfer kann also keine Fehlinvestition gewesen sein. zudem ist Deutschland Hauptnettozahler in der Eu-geblieben, hat also auch noch den Aufholprozess der neu aufgenommen Länder aus Süd-, Mittel- und Osteuropa mitfinanziert. Bei alledem sind die Arbeitslosenzahlen, die nach den zahllosen Betriebsschließungen in Ostdeutschland und dem Neuaufbau von modernen, aber jobarmen unternehmen bis Anfang der 2000er Jahre bundesweit auf 4,9 Millionen gestiegen waren, bis heute auf unter 2,8 Millionen gesunken. Jeder heutige Eu-Krisenstaat wäre froh, wenn er auch nur im Ansatz eine solche Erfolgsgeschichte vor sich hätte.

Dennoch: Nach diesem Kraftakt ohnegleichen sind bis heute zwar ein paar blühende Landschaften entstanden. Von einer flächenhaften Angleichung zwischen Ost und West kann aber keine Rede sein. Die Einheit ist eben keine Folge eines politischen Willensaktes, sondern ein schwieriger, langwieriger Prozess der Annäherung, der aus strukturellen Gründen vermutlich nie vollständig vollzogen werden kann.

Das Berlin-Institut hat versucht, an 25 Themen deutlich zu machen, wo die beiden Landesteile zu Beginn des Einigungsprozesses standen, welche Fortschritte sie gemacht haben und wo es nach wie vor größere unterschiede gibt. Dabei ging es uns nicht nur darum, den Aufholprozess des Ostens zu zeigen, sondern auch die Bereiche zu benennen, wo der Westen gegenüber dem Osten einen Rückstand wettzumachen hatte, etwa bei der Kinderbetreuung oder bei der Berufstätigkeit von Frauen.

Wir wollten wissen, mit welchen Vorstellungen sich Ost und West vereinigt haben und was davon bis heute übrig geblieben ist, was die Bürger in beiden Landesteilen übereinander dachten und denken und was sie sich von ihrem verdienten Geld leisten wollen und können. Dazu hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) eigens eine neue Befragung durchgeführt, deren Ergebnisse Sie auf den Seiten 56 und 57 finden.

Das Ergebnis hat uns selbst überrascht. Denn nach wie vor sind beide Teile Deutschlands erstaunlich verschieden, wie sich an vielen der Karten auf den nächsten Seiten erkennen lässt. Ob bei der Bevölkerungsentwicklung, der Wirtschaftskraft, den Vermögen, den Erbschaften oder der Größe der landwirtschaftlichen Betriebe: überall zeichnet sich ziemlich exakt die alte Grenze ab, vom Ratzeburger See über Harz und Rhön bis in das Erzgebirge, eine Grenze, die einst ein Todesstreifen war und heute bestenfalls noch als grünes Band zu erkennen ist, weil die Natur die Wunden geheilt hat.

Doch in anderen Bereichen, bei den Kinderzahlen, der Bildung oder den Umweltbedingungen hat sich die klare Teilung Deutschlands aufgelöst. Sie ist einem Flickenteppich gewichen, der sich über die ganze neue Republik ausbreitet. So weist der einst kaputte Osten heute die größte Dichte an restaurierten unesco-Kulturerbe-Stätten auf. Boomende Städte wie Leipzig oder Potsdam verfügen über eine Infrastruktur, die der Westen selten zu bieten hat. umgekehrt finden sich in den neuen Ländern auch leerlaufende Landstriche, in der Altmark, der Prignitz oder Vorpommern, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Im damals wie heute reicheren Westen ist die Lage ebenfalls gespalten: Bankrotte Kommunen in den alten Industrierevieren und ganze Bundesländer, wie das Saarland oder Bremen, die vor lauter Schulden kaum noch handlungsfähig sind, existieren neben prallen Wirtschaftswunderzonen in Oberbayern und wachsenden Metropolregionen wie Hamburg oder dem Rhein-Main-Gebiet. Problem- und Erfolgsgebiete gibt es mittlerweile in Ost und West.

Die Ostdeutschen haben mit der Wende ihre Freiheit wiedergewonnen und den Zugang zu einem Lebensstandard, der zuvor im Westen Europas normal war. Wie viel besser es den Ostdeutschen heute im Vergleich zu 1990 geht, zeigt sich am besten an der Lebenserwartung, die damals um fast drei Jahre unter jener in Westdeutschland lag und heute praktisch Westniveau erreicht hat. Der Osten hat mit der Einheit gewiss den größten Gewinn eingefahren. Er hat aber auch den härteren Teil des Einheitsprozesses getragen. Denn in den neuen Bundesländern hat sich praktisch alles verändert, während saturierte Bürger aus Freiburg oder Gütersloh, wenn sie nicht persönlich engagiert oder politisch interessiert waren, die letzten 25 Jahre überstehen konnten, ohne auch nur einen Gedanken an die Einheit zu verschwenden. Dass viele Wessis zeit ihres Lebens noch nie im Osten waren, ist nur ein Zeichen dafür, dass die Einheit länger braucht als eine Generation.

Das dürfte bei der nächsten großen Feier im Jahr 2040, anlässlich von 50 Jahren Einheit anders aussehen. Dann werden über die Hälfte aller in Deutschland Lebenden nach der Vereinigung geboren sein. Spätestens dann haben wir ein neues Deutschland.

Die vollständige Studie finden Sie hier.

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