Ausgabe Januar 1992

Der Süden - abgeschrieben?

Die Gegenwart als Zukunft

I

Ende der Geschichte? Für uns ist das nichts Neues. Schon vor 500 Jahren verfügte Europa, daß Erinnerung und Würde in Amerika Vergehen seien. Die neuen Herren verboten, sich der Geschichte zu erinnern und Geschichte zu machen. Seit damals bleibt uns lediglich, das hinzunehmen.

II

Schwarze Haut, weiße Perücken, Lichterkronen, mit Edelsteinen besetzte Seidenumhänge - beim Karneval in Rio träumen die Hungernden gemeinsam und sind für eine Weile Könige. Vier Tage lang lebt das musikalischste Volk der Erde seinen kollektiven Rausch. Aschermittwoch mittags ist das Fest vorbei. Die Polizei nimmt jeden fest, der weiter verkleidet bleibt. Die Armen rupfen sich die Federn, nehmen die sichtbaren Masken ab, Masken, die entlarven, Masken der flüchtigen Freiheit, und setzen die anderen Masken auf, die unsichtbaren, die das Gesicht verleugnen: die Masken der Routine, des Gehorsams und des Elends. Bis zum nächsten Karneval waschen die Königinnen wieder Teller und die Prinzen fegen wieder die Straßen. Sie verkaufen Zeitungen, die sie nicht lesen können, nähen Kleider, die sie niemals tragen werden, polieren Autos, die niemals ihnen gehören werden, errichten Gebäude, die sie nie bewohnen werden. Mit ihren billigen Händen schaffen sie Produkte, die auf dem Weltmarkt billig zu haben sind. Sie bauten Brasilia und wurden aus Brasilia vertrieben.

Januar 1992

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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