Ausgabe September 1993

Abriß, Umwindung und Restauration

Zwei Dokumente zum Umgang mit politischen Denkmälern im neuen Deutschland aus Anlaß der Berliner Schloßsimulation im Sommer 1993

Seit dem 1. Juli d. J. steht im Zentrum Berlins die 100 Meter breite und 31 Meter hohe Simulation einer Fassade - auf 40 bemalten Kunststoffplanen ist das Äußere jenes Hohenzollernschlosses aufgemalt, dessen kriegszerstörte Überreste 1950 gesprengt worden waren und an dessen Stelle zu DDR-Zeiten der Marx-Engels-Platz und später der „Palast der Republik" traten. Ein 40 Meter breiter und 25 Meter hoher Spiegel verlängern die Attrappe so weit, daß der zum Abriß designierte „Palast" der untergegangenen Republik optisch bereits eliminiert wird. Die Kosten der Vorspiegelung in Höhe von etwa 4 Mio. DM tragen u.a. die Olympia Bauunion, Thyssen, BMW, die Bayerische Vereinsbank, Springers „Welt", die Schering AG und andere Sponsoren, die der Hamburger Unternehmer Wilhelm von Boddien als Vorsitzender des „Fördervereins Berliner Stadtschloß" für die geschichtsbildnerische Nachhilfestunde gewonnen hat. Von Boddien ist der wohl energischste Förderer der u.a. von Wolf Jobst Siedler initiierten Kampagne für eine architektonische Berichtigung der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte durch Palastabriß und Schloßrestauration im designierten Regierungszentrum der neuen Bundesrepublik.
Unter dem Titel „Zu schön, um wahr zu sein", befaßte sich in Heft 3/1993 Heinrich Moldenschardt mit dem „Geschichtsaufbau Ost", der Schloßaufbaukampagne und jenem „Loch" in der Mitte Berlins, das nun einmal zu wahr sei, um schön zu sein. Am Vorabend der Wiederaufrichtung eines überdimensionalen Reiterstandbilds des Hohenzollernkaisers Wilhelm I. am Zusammenfluß von Mosel und Rhein und nach der Einweihung der im Rekordtempo errichteten neuen Eibbrücke in Torgau, der jetzt prompt der Abriß der historischen Brücke - dort gedachten bekanntlich alljährlich Amerikaner und Russen ihrer historischen Begegnung im Jahre 1945 - folgen wird, möchten wir mit zwei dokumentarischen Texten dazu beitragen, die Umrisse einer Debatte zu verdeutlichen, auf die wir zurückkommen werden. D. Red.

Thesen über das Berliner Schloß, vorgetragen von Goerd Peschken, Hochschule für Bildende Künste Hamburg, auf einer Veranstaltung der (West-)Berliner Akademie der Künste „Zum Umgang mit der historischen Mitte Berlins" am 1. Februar 1993 (Auszug)

1. Zwischen dem Alten Museum und dem ehem. Staatsrat, wo genau in der Mitte der Stadt das Schloß gestanden hat, klafft ein Loch. Dies Loch ist nicht größer als andere freie Räume, an die wir durch den modernen Städtebau gewöhnt sind. Die Abscheulichkeit des Lochs muß an der Situation liegen.

2. Die Situation besteht darin, daß die Umgebung vom Theodor-Heuss-Platz bis zum Alexanderplatz auf das Schloß bezogen war; in der vorwiegenden Westrichtung war diese Umgebung überhaupt eigens auf das Schloß hin angelegt worden. Kein Wunder, daß ohne den Mittelpunkt alles auseinanderfällt.

3. Diese zentrale Wunde kann befriedigend nur durch Rekonstruktion des Schlosses geheilt werden. Nachdem seit 350 Jahren die besten Planer und Architekten Brandenburg-Preußens die Situation ausgebildet haben, gibt es da nichts mehr zu entwerfen. Die letzten gelungenen Zufügungen und Umdeutungen sind Schinkels Brücke, Museum und war seine Bauakademie. Stracks Kronprinzenpalais, Raschdorffs Dom und Ihnes Marstall sind schon Entstellungen.

4. Unter dem kunsttheoretischen Aspekt (der die Akademie-Klasse für Baukunst am meisten interessieren wird) muß man sich vergegenwärtigen, daß Denkmalpflege und Rekonstruktion selbstverständliche Mittel des modernen Städtebaus sind, im Prinzip schon seit der Aufklärung, bei uns seit 200 Jahren. Übrigens ist in der Kunst erlaubt, was denkbar ist. [...]

 

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