Ausgabe Juni 1994

Gesellschaft im Umbruch

Versuch einen Überblick zu gewinnen

"Denken ist etwas, das auf Schwierigkeiten folgt und dem Handeln vorausgeht", sagt Bertolt Brecht. "Gesellschaft im Umbruch". Was bricht da um? Wohin bricht sich da Neues Bahn: Welches Ausmaß, welche Tiefe, welche Reichweite haben die Umbrüche: Handelt es sich gar um einen "Epochenwechsel"? Welche Epoche ginge da zu Ende: Offensichtlich ist sehr Unterschiedliches gemeint, wenn von "gesellschaftlichen Umbrüchen" die Rede ist. Mir scheint, daß sich drei Dimensionen unterscheiden lassen.

I

Ich beginne mit dem, was offen zutage liegt - und doch schon einen merkwürdigen Widerspruch aufweist: Nie zuvor hat es in unserem Lande (wie auch in anderen entwickelten Industrieländern) ein solches Maß an materiellem Wohlstand, an Konsummöglichkeiten, auch an sozialen Sicherungen für so große Bevölkerungsteile gegeben. Nie vorher auch ein solches Maß an Bildung und Qualifikation, ein solches Maß an kultureller Teilhabe für die Vielen.

Und nie zuvor ein solches Maß an Gesundheitsversorgung und Gesundheitspflege, so große Chancen, alt zu werden und dabei rüstig zu bleiben. Das wird man wohl Fortschritt nennen dürfen. Das ist die eine Seite. Zugleich aber wächst keineswegs allgemeine Zufriedenheit. Im Gegenteil: Es wachsen Bedrohungs- und Zukunftsängste, es wachsen Aggressivität und Brutalität.

Juni 1994

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Alternativen zum Geist der Ausbeutung

von Mariana Mazzucato

Während das Weltwirtschaftsforum in Davos unter dem Motto »A Spirit of Dialogue« (Ein Geist des Dialogs) tagt, haben die USA die Kontrolle über die Ölinfrastruktur Venezuelas übernommen und eine »unbefristete« amerikanische Verwaltung der Erdölreserven des Landes eingerichtet.