Ausgabe April 1998

Nach Hannover: Retter oder Liquidatoren

Die Linke wähnt sich im milden Aufwind. Außer in Spanien, Luxemburg und der Bundesrepublik Deutschland regieren in Westeuropa fast nur noch sozialdemokratische Parteien oder von ihnen geführte Koalitionen. Aktuelle Ergebnisse scheinen diesen Trend zu bestätigen. Die Niedersachsenwahl in Deutschland, die Behauptung der sozialliberalen Regierung in den Niederlanden und der knappe, aber deutliche Sieg der vereinten Linken bei den französischen Regionalwahlen: das Pendel scheint zurückzuschwingen und ein der neoliberalen Experimente müder Kontinent die Balance wiederzufinden. Dieses hoffnungsfrohe Bild hat indes mit der Realität so gut wie nichts zu tun. In Wahrheit vollziehen – mit Ausnahme Frankreichs und vielleicht Norwegens – die gewendeten Sozialdemokraten wenig anderes, als das auf seriöse Weise zu vollenden, was der ideologisch auftrumpfende Neoliberalismus der Reagan und Thatcher begonnen, in seinem ideologischen Radikalismus freilich beinahe verspielt hat. Bill Clinton, Tony Blair und in Österreich Viktor Klima stehen für einen Neoliberalismus, der dem Deregulierungsprogramm das verschafft, woran es ihm ob seiner sozialen Härten zusehends mangelte: Massenlegitimation.

Mehr als einhundertdreißig Jahre nach Gründung der SPD verkündet der Kanzlerkandidat der ältesten linken europäischen Partei, daß diese nun mit dem „marktwirtschaftlichsten“ Programm ihrer Geschichte antrete. Daß am gleichen Abend die SPD den bevorstehenden Rücktritt Johannes Raus zugunsten des konservativen, einzig und alleine am wirtschaftlichen Wachstum interessierten Technokraten Wolfgang Clement bekannt gab, vollendet ein Bild. Dieser Generationswechsel indiziert zugleich einen Epochenwechsel. Die westeuropäischen Massendemokratien treten in eine weitere Phase der Transformation kapitalistischer Vergesellschaftung – mit ungewissem Ausgang. […]

 

Leider ist dieser Beitrag in der HTML-Ansicht nur in Auszügen verfügbar. Den gesamten Text finden Sie in der PDF-Datei, die auf dieser Seite zum Download angeboten wird.

 

 

 

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo