Es wird bitterernst mit der Frage "Quo vadis Europa?". Tatsächlich verstärkt sich der Eindruck, daß der Einigungsprozeß, wie er zwischen Brüsseler Bürokratismus und medienwirksam inszenierten Gipfelkonferenzen abläuft, den Bevölkerungen nicht mehr vermittelbar ist. 1) Das Geschehen scheint sich immer mehr zu verselbständigen, ohne einem klaren, in sich stimmigen Konzept zu folgen, das überzeugend, vielleicht sogar mitreißend wirkt, weil es den Menschen eine hoffnungsvolle Perspektive eröffnet. Der Einwand der "Realisten" liegt auf der Hand: Mittlerweile hätten sich so viele, höchst komplizierte Probleme angehäuft, daß nur die Methode der kleinen Schritte weiterhelfe, das geduldige Bohren dicker Bretter, wie es entschuldigend heißt. Allerdings kann es passieren, daß dabei die Orientierung verloren geht, Stückwerk ohne Sinn entsteht. Niemand findet sich darin wieder. Gleichgültigkeit oder Anfälligkeit für Rechtspopulismus sind die Folgen, nicht Integration, sondern Desintegration. Jetzt rächt sich, daß das Jahrzehnt seit dem Ende des Kalten Krieges regelrecht vertan wurde.
In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.