Ausgabe März 2000

Der Fall Österreich: Europas innere Angelegenheit

„Warum soll ich mich mit irgendwelchen Vergangenheitsproblemen belasten?“ Jörg Haider1

Da will in Österreich der Volksparteiler Wolfgang Schüssel mit aller Macht Kanzler werden und beschafft sich die dafür notwendige Mehrheit durch eine Koalition mit den dubiosen „Freiheitlichen“ eines noch dubioseren Jörg Haider. Vierzehn Staats- und Regierungschefs aus Ländern der Europäischen Union erklären, unter diesen Umständen kein business as usual betreiben zu wollen, sondern die offiziellen bilateralen Kontakte mit der Alpenrepublik auszusetzen – und ernten dafür jede Menge Empörung.

Der Grundtenor hierzulande: Die Reaktion sei völlig überzogen, zeuge von kollektiver „Hysterie“, von „Haider-Hysterie“ oder, weil’s noch ein bißchen mehr alliteriert, von „Haider-Hitler-Hysterie“.2 Der zu diesem Zeitpunkt bereits schwer angeschlagene Schäuble bekundet vollstes Vertrauen zur österreichischen Schwesterpartei. Stoiber, der sich schon unmittelbar nach den Wahlen für eine schwarz-blaue Koalition stark gemacht hat, protestiert erwartungsgemäß („diplomatischer Amoklauf“). Kinkel schließt sich an („totaler Overkill“). Auch fehlt es nicht an obligaten Hinweisen, es sei die massive Reaktion Israels (das seinen Botschafter abberief) gewesen, die dem EU-Appell „die in Amerika un- überhörbare und in Europa unwiderstehliche Resonanz“ verschafft habe.

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