Ausgabe August 2001

Netzwerk FrauenZeiten: Plädoyer für ein neues Arbeitszeitmanagement (Auszug)

Mit der zwischen Bundeskanzler Schröder, Wirtschaftsminister Müller und den Unternehmerverbänden ausgehandelten Vereinbarung zur Chancengleichheit in der Privatwirtschaft (vom 2. Juli d. J.) ist das im Koalitionsvertrag avisierte Gesetz zur Gleichstellung von Frauen in der privaten Wirtschaft zunächst vom Tisch. Die Verbände versprechen zwar, ihren Mitgliedern frauenfreundliche Maßnahmen zu empfehlen, bindend sind diese Empfehlungen jedoch nicht. Das 1998 gegründete „Netzwerk FrauenZeiten“ (www.frauenzeiten.de) tritt für eine Neuregelung des Arbeitszeitmanagements für Frauen ein. Eine Autorinnengruppe dieses „Netzwerks“ legte Anfang Juli ein „Plädoyer für ein neues Arbeitszeitmanagement“ vor. Es dient als inhaltliche Grundlage einer Veranstaltungsreihe „Frauen-Bündnis für Arbeit“, die am 14. September in Berlin beginnt. Vertreterinnen aus Politik (Christine Bergmann, Claudia Roth), Gewerkschaften (Margret Mönig-Raane), Wissenschaft (Maria-Eleonora Karsten) und Unternehmen (Britta Steilmann) werden gemeinsam mit dem Netzwerk über neue Impulse der Arbeitsmarktpolitik aus frauenpolitischer Perspektive beraten. Aus dem „Plädoyer“ dokumentieren wir nachfolgend die „Eckpunkte für eine neue arbeitsmarktpolitische Initiative“. – D. Red.

Es bedarf neuer (Arbeits-)zeitmodelle, sowohl für einzelne Lebensphasen mit unterschiedlichen Zeitbudgets als auch für die gesamte Dauer eines Erwerbslebens . Frauen wie Männer müssen die Möglichkeit haben, ihr Leben mit oder ohne Familie mit Erwerbstätigkeit sowie mit Bildung und Weiterbildung synchronisieren zu können. Bei der Frage der Zeitverteilung bzw. der Umverteilung von Zeit handelt es sich um eine Machtfrage. Um das oben skizzierte Ziel einer (geschlechter-)gerechten Zeitverteilung zu erreichen, sind unterschiedliche Strategien zu entwickeln. Insgesamt geht es darum, Zeit in den verschiedenen Bereichen auf das jeweils in diesen Bereichen unterrepräsentierte Geschlecht umzuverteilen bzw. abzugeben: mehr Erwerbsarbeitszeit für Frauen, mehr Bildungszeit für Frauen und Männer, mehr Kinderbetreuungs- und Familienzeit für Männer, mehr Pflegezeit für Männer. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Ausgangsbedingungen zwischen Stadt und Land, z.B. im Bereich der Pflegetätigkeiten, sowie zwischen den Regionen und erst recht einzelnen Ländern verschieden sind. Zeitgestaltung und – Verteilung ist eine Schlüsselfrage. Sie ist insbesondere ein Schlüssel für Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen und Zukunftsfähigkeit.

- Die Regelarbeitszeit für eine existenzsichernde Beschäftigung muss verkürzt werden!

- Als „Rechengröße“ halten wir eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von 30 Stunden für ein richtiges Ziel.

- Die verbleibende Arbeitszeit muss einer klaren Rhythmik folgen bzw. über längere Fristen im voraus planbar sein.

- Eine an den Bedürfnissen der Beschäftigen orientierte flexible Gestaltungsmöglichkeit der Arbeitszeit muss gewährleistet sein, neue Modelle für Zeitsouveränität auch bei der Wochenarbeitszeit sind einzuführen.

- Es muss ein sozial gestaffelter Lohnausgleich erfolgen. - Arbeitszeitkonten mit verschiedenen Modulen wie Bildung und Weiterbildung oder wechselnde private Lebensphasen müssen konzipiert und in kontinuierliche Erwerbsabläufe integriert werden.

- Die Arbeitszeitverkürzung muss von staatlicher Seite flankiert werden, inklusive einer Reduzierung der nach Arbeitszeitgesetz zulässigen Höchstarbeitszeiten. So muss gewährleistet werden, dass es wirklich zu Neueinstellungen anstelle einer ständigen Leistungsverdichtung kommt.

- Die Initiative auf dem Arbeitsmarkt muss von einer Reform des Kinderbetreuungssystems (vor allem für Kinder unter drei und über sechs Jahren) und einer Umstellung auf Ganztagsschule begleitet sein. Es darf auf dem Arbeitsmarkt nicht länger ein Nachteil sein, Kinder zu haben.

- Die im Steuer- und Versicherungssystem gegebenen Anreize für die ungleiche Verteilung der Arbeitszeit zwischen den Ehepartnern bis hin zur Nichterwerbstätigkeit der Frauen (Ehegattensplitting, Subventionierung der geringfügigen Beschäftigung, kostenfreie Mitversicherung in der Krankenversicherung, Hinterbliebenenrente) müssen beseitigt werden.

- Das Prinzip der Nachhaltigkeit muss auch auf dem Arbeitsmarkt verwirklicht werden

– eine dynamische und leistungsfähige Arbeitsgesellschaft, die auf einem schnellen „burn out“ ihrer LeistungsträgerInnen basiert, hat keinen langen Atem für eine erfolgreiche Zukunft!

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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