Ausgabe April 2004

Klassenkampf im Container

Derzeit läuft im Sender RTL2 (auch Tele5 und Premiere sind diesmal mit im Boot) die fünfte Staffel der Big Brother-Show (BB5), in der Menschen erneut freiwillig – diesmal bis zu einem Jahr – in einem Wohncontainer verbringen. Sie sind dabei "Regeln" unterworfen, die einem doppelten Ziel dienen: Einmal wird das künstliche Soziotop von der Außenwelt konsequent isoliert, zum anderen aber sollen willkürliche Eingriffe einer abstrakten und absoluten Autorität dafür sorgen, dass die vom Produzenten Endemol vermuteten "Wünsche" eines Publikums von Voyeuren bedient werden. In diesem, scheinbar alltägliche Lebenswelt simulierenden Erlebnisraum kontrollieren 32 Kameras und 68 Mikrophone Tag und Nacht jede Regung der Insassen.

Die interessanteste (und zugleich deprimierendste) Erkenntnis, die das Experiment einem kritischen Zuschauer vermittelt, betrifft das Menschen- und Lebensbild dieses Brutkastens zur Aufzucht eines neuen konsumfixierten Endemol- Menschen und idealen Privatfernsehkunden. Schon bei der Auswahl der Kandidaten wird gezielt selektiert: Die "Rohfleischigen" mit "Adrenalinkick und Grenzerfahrung!" hätten die größten Chancen, sagte der für die Auswahl und die "psychologische Betreuung" der Container-Insassen zuständige Psychologe Ulrich Schmitz ("stern", 11/2004). Er musste dafür sorgen, dass keine labilen oder schwachen Typen hineinkommen.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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