Ausgabe März 2004

Gleichgewichtsstörungen

Kürzlich schrieb ein "stern"-Redakteur, die Politik benötige ein "neues 68er-Gefühl". Allerdings wurde nicht recht klar, was er damit meint: Etwa nur den berühmten "Ruck" oder das in allen großen Parteien herbei geträumte neue "Wir-Gefühl"? Und dann kam jüngst auch ein Film in die Kinos, der explizit die "Bewegung" von 1968 zum Thema hat. Erleben wir da tatsächlich eine Renaissance der vielgescholtenen Jugendrevolte oder nur das Comeback eines noch immer vorhandenen schlechten Gewissens – angesichts der Karrieren, die die Revoluzzer von damals und Außenminister von heute gemacht haben?

Mit einer Erneuerung des Kinos fing es damals an. Das holt auch Bernardo Bertoluccis Film "Träumer" (der französische Titel trifft es besser: "Innocents", Unschuldige) ins Gedächtnis zurück: Wir sehen die protestierenden Cinéasten und zukünftigen Filmemacher der nouvelle vague, wie sie am Eingang des Palais Chaillot in Paris gegen die Entlassung von Henri Langlois protestieren, des Leiters der cinémathèque française, in deren Vorführraum viele von ihnen eine Kinosozialisation an Stelle einer familiären erfahren hatten. André Malraux, der damalige Kulturminister, musste schließlich nachgeben; das sollte der einzige konkrete Sieg des Mai ‘68 bleiben.

Jean-Luc Godard machte damals den einzigen Film, der die Revolte direkt thematisierte, und Bertolucci kopiert dessen Plot.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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