Die letzte Januarwoche, so prophezeiten manche britische Auguren, werde für Tony Blair die schwerste seiner ganzen Regierungszeit werden. Es ist erst einmal anders gekommen: Am 27. Januar konnte die Labour-Regierung ihr Programm der zukünftigen Studien- gebühren, wenn auch nur mit lediglich fünf Stimmen Mehrheit, doch noch durchsetzen. Einen Tag später lieferte Lord Hutton seinen Untersuchungsbericht zum Tod des britischen Wissenschaftlers und Waffenexperten David Kelly ab.1 In dem Saal, in dem der Law Lord im vergangenen Sommer die Untersuchung geführt hatte, trug er in eineinhalb Stunden eine Kurzfassung seines Berichts vor, der, sanft hellblau gebunden, mit Anlagen 740 Seiten ausmacht. Die BBC übertrug den Auftritt live. Wie es sich für einen erfahrenen Richter gehört, formulierte Hutton sachlich und nüchtern; er zitierte wichtige Aussagen und zog seine Schlüsse – und alle gingen am Ende zu Lasten der BBC. Blair sprach er ganz und gar frei: Es habe keine Lügen, kein Komplott gegeben, keiner sei an Kellys Freitod schuld.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.