Ausgabe März 2004

Lord Huttons Waschsalon

Die letzte Januarwoche, so prophezeiten manche britische Auguren, werde für Tony Blair die schwerste seiner ganzen Regierungszeit werden. Es ist erst einmal anders gekommen: Am 27. Januar konnte die Labour-Regierung ihr Programm der zukünftigen Studien- gebühren, wenn auch nur mit lediglich fünf Stimmen Mehrheit, doch noch durchsetzen. Einen Tag später lieferte Lord Hutton seinen Untersuchungsbericht zum Tod des britischen Wissenschaftlers und Waffenexperten David Kelly ab.1 In dem Saal, in dem der Law Lord im vergangenen Sommer die Untersuchung geführt hatte, trug er in eineinhalb Stunden eine Kurzfassung seines Berichts vor, der, sanft hellblau gebunden, mit Anlagen 740 Seiten ausmacht. Die BBC übertrug den Auftritt live. Wie es sich für einen erfahrenen Richter gehört, formulierte Hutton sachlich und nüchtern; er zitierte wichtige Aussagen und zog seine Schlüsse – und alle gingen am Ende zu Lasten der BBC. Blair sprach er ganz und gar frei: Es habe keine Lügen, kein Komplott gegeben, keiner sei an Kellys Freitod schuld.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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