Ausgabe Oktober 2004

Der (all)tägliche Skandal

Die "Bild" am 10. September, die Großbuchstaben schreien es in die Welt hinaus: "Sado-Maso Folter im TV. Tränen, Blut, Schreie". Sollte das Boulevardblatt neue Bilder aus dem Irak gefunden haben? Nein, es ging um die Sendung Big Brother vom Abend desselben Tages, die das "letzte Tabu" brechen würde. Also eingeschaltet, denn wir wollen natürlich wissen, warum sich "dieses Mädchen vor der TV-Kamera quälen lässt". Die Einschaltquoten dürften steil nach oben gegangen sein.

Die Antwort ist ziemlich einfach: Daniela, eine der Insassinnen von Big Brother 5, hatte sich ein Piercing gewünscht und erhalten. Und diesmal war die dreiste Lüge schon sprachlich offensichtlich. Denn "Folter" ist eine demütigende Gewaltanwendung, nicht selten mit Todesfolge. Ein Piercing aber ist, auch wenn es weh tut, ein freiwilliger Akt, über dessen Motive man spekulieren kann. "Bild" hat das Wort wahrscheinlich gewählt, weil es durch die US-Folterungen in Abu Ghraib aktuell ist, und der Artikel ist damit auch eine Verhöhnung dieser und aller Folteropfer.

Wir (und die meisten "Bild"-Leser) wissen, dass diese Zeitung lügt, verdreht, verhöhnt, in jeder Nummer Regeln des fairen Journalismus bricht. Und doch ist sie das wohl einflussreichste Presseorgan hierzulande.

Sie haben etwa 27% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 73% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo