Ausgabe November 2005

Wenn der Souverän gesprochen hat

Was ist heute links?

Seit in den 1820er Jahren, also in einer Restaurationszeit Frankreichs, die Parteien ihre parlamentarische Sitzordnung nach rechts und links festlegten, schien gesichert zu sein, wo jeder hingehört. Die konservativen Ordnungsparteien beanspruchten die rechte Raumhälfte; mit rechts assoziierte man positive Eigenschaften: geordnetes Leben, Rechtsbewusstsein, Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit. Den übrigen Parlamentsfraktionen blieb nichts anderes übrig, als sich die restlichen Plätze zu teilen, links von der Ordnungspartei.

Sie taten es widerwillig und nur unter Protest – obwohl sie sich, nicht mehr weit von der Julirevolution entfernt, in ihrem Selbstbewusstsein durchaus hätten stärken können, wenn sie den Mut gehabt hätten, sich auf die französische Revolution zu beziehen. Da nannte sich die radikalste revolutionäre Gruppierung, am Ende eine Mehrheitspartei, der Berg. Sie saß im Konvent so, fühlte sich entsprechend und blickte auf das herab, was man abfällig „Sumpf“ nannte – aber wer wollte damals schon als Jakobiner identifiziert werden?

Es dauerte lange, bis die so Ausgegrenzten aus diesem bedauerlichen Tatbestand der „Rechtsdefinition“ ein positives Selbstverständnis und ein politisches Bewusstsein entwickelten, mit der Kritik am schlechten Zustand der Welt auf der Zukunftsseite der Geschichte zu stehen.

Sie haben etwa 22% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 78% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Oktober 2020

In der Oktober-Ausgabe zeigt der Anthropologe Wade Davis, wie die Corona-Pandemie die gesellschaftlichen Widersprüche der USA offenlegt und ihren Niedergang als Weltmacht beschleunigt. Der Historiker Bernd Greiner porträtiert den einstigen US-Chefstrategen Henry Kissinger und dessen skrupellosen Willen zur Macht. Der Schriftsteller Zafer Şenocak fordert, dass die deutsche Außenpolitik endlich Verantwortung für die kolonialen Verbrechen übernimmt. Die Schriftstellerin Dina Nayeri beschreibt, wie ihre Fluchterfahrung ihre Identität bis heute zutiefst prägt. Und »Blätter«-Mitherausgeber Rudolf Hickel plädiert für soziale Gerechtigkeit bei der Begleichung der gewaltigen Corona-Schulden.

Zur Ausgabe Probeabo