Ausgabe März 2006

Die Wahrheit der Fiktion

„Wer das Genrekino nicht für das Maß aller Dinge hält, wird niemals begreifen, warum man sich all diese Probleme bereiten kann, die aus München zugleich einen konsumierbaren Thriller und ein befremdliches Rätsel machen,“ schreibt die FR, aber wer das Dilemma von Steven Spielbergs Film so formuliert, der stellt schon nicht mehr die Frage, ob die Darstellung der Ereignisse von München 1972 „stimmt“, oder auf welcher Seite der Film steht. Die provokativ gewollte Unparteilichkeit führt zu erheblichen Konstruktionsmängeln: Auf eine fast schon infantile Weise wird dem wohl effektivsten Geheimdienst der Welt, dem Mossad, unterstellt, er betraue ein Team von harmlosen Amateuren mit der Aufgabe, die Opfer des Anschlags zu rächen. Dies orientiert sich nicht mehr an der Realität, sondern an Konventionen von Katastrophenfilmen, in denen unsere Welt stets von einer Gruppe skurriler Gestalten gerettet wird, deren Stärke – so die romantische Unterstellung von Filmen wie Independence Day – eben ihre Unprofessionalität ist.

Der wirklichen Welt der Politik, die als Reaktion anscheinend nur noch Zynismus zulässt, wird eine neue (alte) Unmittelbarkeit, eine neue (traditionsreiche) Unschuld entgegengesetzt, die allein imstande ist, angesichts von Gewaltbereitschaft und Korruption noch einen humanistischen Standpunkt zu finden, und sei es um den Preis eines weltfernen Gutmenschentums.

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Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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