Ausgabe August 2007

Wiedervorlage: Amerika im Niedergang?

Die Schlagzeilen über Amerikas gegenwärtige Schwierigkeiten wirken vertraut. Fern im Irak versinkt das Land in einem Krieg, der, wie es scheint, nicht zu gewinnen ist; der Kongress und erst recht die Öffentlichkeit bedauern, dass sie dieses Abenteuer anfangs unterstützt haben; Amerikas Bodentruppen leiden unter Überdehnung; die Haushaltsdefizite werden jedes Jahr schlimmer; die Außenhandelsbilanz weist alarmierende Ungleichgewichte aus; andere Großmächte (China, Russland, Indien) trumpfen auf, und Amerika selbst war, internationalen Meinungsumfragen zufolge, weltweit noch nie so unbeliebt wie heute.

Dem Weißen Haus jedoch beliebte es, unbekümmert um all diese Entwicklungen, im Irak eine „Vorwärtsstrategie“ anzuordnen, und dies obendrein wahrscheinlich ohne genügend Bodentruppen für einen erfolgreichen Feldzug. Viele Neokonservative sind mittlerweile aus der Bush-Administration ausgeschieden oder im Begriff dies zu tun, als verließen sie ein sinkendes Schiff. Die Aussichten erscheinen düster.

Befindet Amerika sich also jetzt definitiv im decline, im Niedergang? Je näher der 20. Jahrestag der Erstveröffentlichung meines „Niedergangs“-Buches „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ rückt, desto intensiver werde ich mit dieser Frage bombardiert. Besonders ausländische Journalisten und Radiooder Fernsehredakteure scheint die Vorstellung von Amerikas Niedergang zu faszinieren.

Da diese Debatte mit dem Herannahen der US-Präsidentschaftswahlen 2008 an Intensität wohl eher noch zunehmen dürfte, erscheint es mir angebracht, ein paar Schneisen in das Dickicht zu schlagen und eine sehr komplexe, verwirrende Thematik zugänglicher zu machen.

Da wäre zunächst zwischen den fundamentalen Strukturveränderungen, die sich auf unserem Planeten vollziehen – anders gesagt: den unumkehrbaren Entwicklungen – und jenen Vorgängen zu unterscheiden, die gegenwärtig Amerikas Macht und Einfluss im globalen Kräfteverhältnis schaden, aber durchaus umkehrbar sein könnten, wenn in Washington weiser regiert würde.

Das erste und wichtigste Element ist zugleich das einsichtigste (auch wenn die meisten US-Politiker dieser Tage es nicht begreifen): die Tatsache nämlich, dass die Kräfteverhältnisse in dieser Welt sich permanent wandeln. Aus Gründen, die wir nicht restlos erklären können, wachsen im Laufe der Geschichte manche Regionen oder Länder zu unterschiedlichen Zeiten wirtschaftlich schneller als andere. Wo dies geschieht, wachsen Macht und Einfluss der Schnellsten gleichermaßen, weil wirtschaftliche Stärke, die ja ihrer Natur nach materiell und physisch ist, sich alsbald in politische und militärische Stärke umsetzt.

Machtpolitik ist kein „world is flat“- Spiel.1 Es gibt, relativ gesehen, stets Gewinner und Verlierer, und die meisten Akteure der Weltpolitik kennen diese einfache Wahrheit. Während der letzten 100 oder sogar 150 Jahre hat das, was Lenin „das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung“ nannte, Amerika zum Vorteil gereicht.

Sobald die Vereinigten Staaten über Dampfmaschine und Elektrizität verfügten – kontinentweit! –, mussten sie kleinere Länder wie England, Frankreich, Deutschland und Japan zwangsläufig überholen, während sie zugleich von der wirtschaftlichen Rückständigkeit großer Länder wie Russland/UdSSR, China und Indien profitieren konnten. Sogar schon zur Zeit des Ersten Weltkriegs entfiel die Hälfte der weltweiten Industrieproduktion auf die Vereinigten Staaten. Und 1945 erzeugten sie mit nur vier Prozent der Weltbevölkerung satte 50 Prozent der Weltproduktion.

Nur wer keine Ahnung hat vom Gezeitenwechsel in der Geschichte, könnte glauben, dass ein derartiger Zustand ewig hält. Die Welt hat sich weitergedreht. Europa spielt heute, von den Wunden, die es sich selbst zufügte, wieder erholt und zu einem kompakten Handelsverbund zusammengeschlossen, auf dem Schachbrett der Weltwirtschaft keine geringere Rolle als Amerika. Noch bedeutsamer ist, dass die Giganten Asiens, also China und Indien, in einem Tempo wachsen, bei dem die Gleichgewichte der Weltproduktion sich schneller verschieben als je zuvor. Beide Länder stehen vor enormen inneren Problemen, aber wenn sie nicht in Katastrophen stürzen, wird ihr internationales Gewicht weiter erheblich wachsen.

Logischerweise werden dann die Vereinigten Staaten (und Europa wahrscheinlich auch) weniger Gewicht haben als heute. Es gibt seriöse Prognosen, wonach Chinas Bruttoinlandsprodukt das amerikanische binnen etwa einer Generation überholen dürfte. Was genau das bedeuten wird, kann niemand voraussagen. Aber zweifellos handelt es sich um ein weiteres Kapitel der uralten Geschichte vom relativen Aufstieg und Niedergang großer Mächte. In Anbetracht der Tatsache, dass Rom und Karthago fielen, bemerkte Rousseau: Welcher Staat wäre da unsterblich? Amerikanische Exceptionalism-Allüren werden also zwangsläufig mit globalen Kräften kollidieren, die stärker sind.

Relativer Niedergang – und wie man ihn managt

Aber heißt das wirklich, dass es mit der amerikanischen Supermacht so rapide bergab gehen muss? Manche Großmächte haben, auch als die Gezeiten der Geschichte sich gegen sie kehrten, bemerkenswerte Anpassungs- und Widerstandskräfte gezeigt. Tatsächlich sind katastrophenartige Abstürze oder ein plötzlicher Kollaps wie im Falle des napoleonischen Frankreich, Hitlerdeutschlands oder der todgeweihten UdSSR Leonid Breschnews sogar ziemlich selten.

Das spanische Weltreich bestand jahrhundertelang (und hinterließ eine Welt, in der mehr Menschen zuerst Spanisch lernen als Englisch). Habsburger, Osmanen, Briten – sie alle zeigten sich der Aufgabe gewachsen, relativen Niedergang zu „managen“. Und doch verfügten sie bei weitem nicht über jene Machtressourcen, die den Vereinigten Staaten zu Gebote stehen.

Die Frage ist also nicht, ob Amerika im Ergebnis globaler Verschiebungen der Produktivkräfte einen – relativen – Niedergang durchmacht. Natürlich verhält es sich so. Die eigentliche Frage lautet jedoch, ob Amerika zu einer Politik befähigt ist, welche die Auswirkungen jener tiefgreifenden säkularen Trends abmildern, seine gewaltigen und unbestrittenen Eigenkräfte voll ausspielen und Aktionen vermeiden kann, die es letzten Endes nur selber schwächen. Es könnte tatsächlich so etwas wie smart relative decline – also einen intelligenten Umgang mit „Niedergang“ – geben, so widersprüchlich der Gedanke auch klingen mag.

Inwiefern aber verliert sich die gegenwärtige US-Politik (womit ich das Weiße Haus und den Kongress meine, samt der Komplizenschaft in Medien und Öffentlichkeit) in Aktionen, die letztlich nur Amerika selber schwächen? Aus Platzgründen werde ich hier lediglich auf zwei Beispiele eingehen, allerdings jene beiden, bei denen ins Auge springt, wie töricht unsere Politik sich verhält.

Das Versagen der Regierung Bush

Zuerst ist da die Nichtbeachtung des Haushaltslochs und des eng mit diesem verknüpften Außenhandelsdefizits zu erwähnen. Beide Defizite verstärken einander mittlerweile in einem Maße, wie es seit den Zeiten Philipps des Zweiten von Spanien oder der letzten Bourbonenkönige Frankreichs nicht mehr zu beobachten war. Es geht hier nicht allein darum, dass wir unser Haus nicht in Ordnung halten, denn die Sache wirkt sich auf internationale Machtverhältnisse aus.

Die Kluft zwischen den Staatseinnahmen und -ausgaben der Vereinigten Staaten wird durch frei floatende monatliche Schatzanweisungen gedeckt, und in letzter Zeit sind es mehrheitlich ausländische (insbesondere asiatische) Staatskassen, die diese Wertpapiere erwerben. Keiner unserer auf die Marktfreiheit eingeschworenen Wirtschaftswissenschaftler und Banker wird mich, egal wieviel Vorträge er hält, davon überzeugen, dass die zunehmende Abhängigkeit eines souveränen Landes von ausländischen Wertpapierinhabern (deren jeder stets genau kalkuliert, ob es mehr bringt, am Dollar festzuhalten oder ihn fallen zu lassen) doch irgendwie eine gute Sache ist. Das ist sie nämlich nicht. Aber diese Abhängigkeit zu verringern bedeutet, dass die Amerikaner in den sauren Apfel beißen und die Kluft zwischen Bundesausgaben und Bundeseinnahmen schließen müssen. Und das heißt unvermeidlicherweise: höhere Steuern – die das Weiße Haus hasst und der Kongress fürchtet.

Diese Schwierigkeit verquickt sich mit der exzessiven Verstrickung der gegenwärtigen Administration im Irak, ja im gesamten Nahen und Mittleren Osten. Meine Leser wissen, dass ich den Irakkrieg von Anfang an für einen Fehler hielt, aber darum geht es hier nicht. Es geht darum, dass dieser mesopotamische Feldzug die Vereinigten Staaten in mindestens dreierlei Hinsicht schwächt: Er verschlimmert die Staatsverschuldung, weil der Krieg auf Pump und nicht durch Steuern finanziert wird; er bewirkt eine alarmierende Auszehrung der Bodentruppen unseres Landes, besonders der regulären Verbände der Army und ihrer Reservekader; und er hat Amerikas soft power ernstlich untergraben, also seine Fähigkeit, andere Länder dafür zu gewinnen, amerikanischen Wünschen zuzustimmen.

Das bringt uns zu zwei Schlussfolgerungen: Ja, es gibt Anzeichen dafür, dass die wirtschaftlichen Gleichgewichte der Welt sich verschieben, sich von einigen Regionen in andere verlagern, wie in der Vergangenheit auch; und im Ergebnis wird der Anteil der Amerikaner am globalen „Kuchen“, obwohl sie möglicherweise reicher (vielleicht sogar viel reicher) als heute sein werden, in 50 Jahren geringer ausfallen. Und für ihre hard power wird das gleiche gelten.

Aber das ist keine Katastrophe, wenn die amerikanische Republik es schafft, sich diesen umfassenderen Trends anzupassen, statt in Panik zu geraten; wenn sie also die gewaltigen eigenen Ressourcen mobilisiert und Abstand nimmt von der törichten Politik, sich sowohl fiskalisch wie militärisch zu übernehmen.

Ein Amerika, dessen Staatshaushalt halbwegs ausgeglichen ist, mit stabiler Zahlungsbilanz und einem vernünftigen Verhältnis zwischen seinen militärischen Verpflichtungen und Möglichkeiten, wäre auf der weltpolitischen Bühne noch viele Jahre lang der mit Abstand wichtigste Spieler. Warum sollten wir diese Chance vergeigen?

© 2007, Tribune Media Services, Inc.

1 Anspielung auf den jüngsten Bestseller des neoliberalen Publizisten Thomas L. Friedman „The world is flat“ (Die Welt ist flach, Frankfurt a.M. 2006), wonach die Globalisierung nur Gewinner kennt. – D. Red.

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