Ausgabe Dezember 2007

Deutsch-Polnische Empfindlichkeiten

Jeder Politiker weiß, es kommt nicht nur darauf an, was man tut, sondern auch darauf, wie man es tut. In der Alltagspraxis jedoch geht diese Einsicht leicht verloren. Dies zeigt sich nicht zuletzt in den gegenwärtigen Spannungen zwischen Deutschland und Polen – und in ihrer Geschichte.

Als der Kalte Krieg zu Ende ging, konnten Polen und Deutsche unbehindert ein neues Verhältnis zueinander begründen. Adam Michnik, moralische wie politische Autorität, sagte 1990 zu den Deutschen: „Ihr könnt alles machen, aber begegnet uns bitte nicht karitativ. Wenn das geschieht, kann es mit uns nichts werden“. Es wurde auch nichts, jedenfalls nichts mit der Harmonie und Gemeinsamkeit, die viele nach dem Verschwinden des Kommunismus erhofften. Bonn und dann Berlin taten zwar, was sie konnten, um Polen den Weg in die NATO und in die Europäische Union zu ebnen. Sie halfen nicht ganz ohne Eigennutz – Grenzland zum Osten wurden nun andere –, aber vor allem aus dem Gefühl einer historischen Verpflichtung. Unvermeidlich musste es die Hilfe eines Stärkeren für einen Schwächeren sein. Es geschah jedoch ohne ausreichende Rücksicht auf die Gefühlslage der Polen, die Hilfe brauchten, aber auch Anspruch darauf hatten, als die Nation, die sich als erste selbst vom Kommunismus befreit hatte. Die Deutschen halfen wie ein großer Bruder dem halb unmündigen kleinen – oder wie der Patron dem Klienten.

Die Polen waren dankbar, aber verletzt in ihrem Selbstgefühl.

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