Ausgabe November 2008

Der Irrsinn geht um

Wenn Hans-Ulrich Wehler auf Seite 393 des jüngst erschienenen letzten Band seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ als „linkskonservativ“ bezeichnet, dürfte sich mancher Leser verwundert die Augen gerieben haben. Nach der FAZ-Lektüre vom 18.9. d. J. konnte man Wehler allerdings nur zustimmen. Offensichtlich hat die Krankheit Kapitalismuskritik nun auch Frank Schirrmacher infiziert. In einem gewaltigen Manifest der Systemkritik sieht der FAZ-Mitherausgeber das „Zeitalter des Unglücks“ angebrochen. Pointiert stellt er fest: „Eine sogenannte ‚Finanzkrise‘ kann in einer Gesellschaft, wo Finanzen die Synonyme für gesellschaftliche Rationalität geworden sind, nichts anderes sein als eine brutale Vernunftkrise.“ Doch wo steckt sie bloß, diese fehlgeleitete Vernunft? Schirrmacher ratlos: „Es müssen irgendwo Verrückte herumlaufen, die bis Montag nicht aufgefallen sind, weil ihr Wahn identisch war mit der Logik des etablierten Systems.“ Hätte der arglose Mann den Wirtschafts- und Finanzteil seiner eigenen Zeitung gelesen, wären ihm diese „Verrückten“ vermutlich eher aufgefallen – etwa die Herren Henkel und Kirchhof, die als geschätzte FAZ-Autoren in ihrer Privatisierungswut jahrelang nur einen Gegner kannten: die „Hydra Staat“.

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