Ausgabe Mai 2010

Kurzgefasst

Tony Judt: Sozialdemokratie der Angst. Was lebt und was ist tot an der sozialen Demokratie?

Die dramatische Schwäche der Sozialdemokratie geht einher mit einer schweren Krise der sozialen Demokratie als solcher. Tony Judt, Direktor des Remarque Institute an der New York University und Autor unter anderem einer preisgekrönten Geschichte Europas, geht der Frage nach, ob die soziale Demokratie überhaupt noch in der Lage ist, dem Diktat des ökonomistischen Denken wirksam entgegenzutreten. Zu diesem Zweck fordert Judt eine „Sozialdemokratie der Angst“, um die alt-europäische Errungenschaft des Sozialstaats zu bewahren und zu verteidigen.

Oskar Negt: Das Mandat der Gewerkschaften. Warum Krisenzeiten nur selten Erkenntniszeiten sind

Damit die gegenwärtigen Krisenzeiten auch zu Erkenntniszeiten werden, müssten die Gewerkschaften Alternativen zum Gesellschafts- und Arbeitssystem bieten, meint der Soziologe Oskar Negt. Nur durch entschiedene gesellschaftspolitische Erweiterung ihres Mandats könnten die Gewerkschaften wieder an Deutungshoheit gewinnen – und durch die selbstkritische Einbeziehung bisher ausgeschlossener Gruppen.

Birgit Mahnkopf: Machtwechsel der Ideen. Für die Entzauberung des neoliberalen Glaubens

Seit Ausbruch der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise wird häufig von einer „Zeitenwende“ wirtschaftlichen Denkens gesprochen. Birgit Mahnkopf, Professorin für Europäische Gesellschaftspolitik und Gründungsmitglied des Instituts Solidarische Moderne, entlarvt diese Diktion als verfrühte Illusion, angesichts der anhaltenden Hegemonie des Neoliberalismus. Um einen echten Paradigmenwechsel einzuleiten, plädiert Mahnkopf für die Herausforderung der zentralen neoliberalen Schein-Wahrheiten – von Effizienz, Protektionismus und Wachstum.

Thomas Gerlinger: Fortschritt und Enttäuschung:
Obamas Gesundheitsreform

Kaum eine Sozialreform im Ausland stößt hierzulande auf derart große Aufmerksamkeit wie die Gesundheitsreform in den Vereinigten Staaten. Thomas Gerlinger, Professor für medizinische Soziologie an der Universität Bielefeld, fragt, ob Obamas Reform endlich den bisher fehlenden oder nur prekären Versicherungsschutz im weltweit teuersten Gesundheitssystem durch eine wirksame Absicherung ersetzen kann. Sein Befund: Wenngleich viele Probleme abgemildert werden, bleibt die Krankenversicherung ein teurer, löchriger Flickenteppich.

Ethos der Erziehung: Der Streit um die Reformpädagogik

Hartmut von Hentig: Die Elemente der Erziehung
Micha Brumlik: Die Reformpädagogik als internationale Bewegung

Kein Streit der letzten Jahre hat die Erziehungswissenschaften derart in Aufruhr versetzt wie der Konflikt um die Reformpädagogik. Hartmut von Hentig, Nestor der deutschen Erziehungswissenschaften und Gründer der Bielefelder Laborschule, erläutert die zehn konstituierenden Elemente seines Verständnisses von Reformpädagogik. Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler und Mitherausgeber der „Blätter“, hinterfragt Hentigs umstrittenes Konzept der „pädagogischen Liebe“ – ohne dabei die Reformpädagogik auf eine einzelne nationale Strömung zu reduzieren. Vielmehr verdeutlicht er die unterschiedlichen internationalen Ausprägungen der Bewegung und plädiert für eine Kontextualisierung des Konzepts zwischen Schule und Gesellschaft.

Günter Morsch: Geschichte als Waffe. Erinnerungskultur in Europa und die Aufgabe der Gedenkstätten

Europäische Geschichte ist stets einem Kampf um Interpretation und Erinnerung ausgeliefert. Der Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen, Günter Morsch, plädiert für eine gemeinsame Erinnerungskultur Europas. Trotz unterschiedlicher Erfahrungen mit nationalsozialistischem und stalinistischem System solle diese auf pluralen Ansätzen aufbauen. Die Verantwortung der Gedenkorte ist eine doppelte – sie liegt sowohl darin, selbstkritisch zu agieren, als auch eine selbstständige Auseinandersetzung mit Geschichte zu befördern.

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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