Ausgabe November 2011

Kurzgefasst

Colin Crouch: Das lange Leben des Neoliberalismus

Seit 2008 hält die Krise der Finanzmärkte die Welt in Atem. Obwohl neoliberale Ideen und Institutionen maßgeblich zu dieser Krise beigetragen haben, konnten sie ihren Einfluss in dieser Zeit noch vergrößern. Colin Crouch, Professor für Politikwissenschaften an der University of Warwick und Autor von „Postdemokratie“, analysiert, wie es dazu kommen konnte. Sein Befund: Wir haben es nicht primär mit einem Konflikt zwischen Staat und Markt zu tun, sondern mit einer anhaltenden Dominanz der Banken und Großkonzerne, welche den erforderlichen Paradigmenwechsel verhindert.

 

Michael Kazin: Keine Bewegung ohne Wurzeln. Was der amerikanischen Linken fehlt

Bislang gibt es in den USA keine ernstzunehmende linke Bewegung gegen die neoliberale Politik; darüber können auch die jüngsten Demonstrationen unter dem Motto „Occupy Wall Street“ nicht hinweg täuschen. Vielmehr treibt die rechtspopulistische Tea Party die Regierung weiter vor sich her. Michael Kazin, Professor für Geschichte an der Universität in Georgetown, sucht nach den Ursachen für die Schwäche der Linken und kommt zu dem Schluss: Der Erfolg einer Bewegung in der Gegenwart liegt in oft jahrelanger institutioneller und organisatorischer Vorarbeit.

 

Meredith Haaf: Die Apathie der TINA-Kinder. Warum meine Generation endlich erwachsen werden muss

Derweil in Rom, Jerusalem und New York hunderttausende gerade junge Menschen auf die Straße gehen, bleiben ihre Altersgenossen hierzulande erstaunlich ruhig. Die Journalistin Meredith Haaf analysiert die politische Apathie ihrer Generation: Groß geworden im Zeichen des There-is-no-alternative-Denkens, ist diese gegenüber den großen Themen der Zeit hilflos, überfordert und in Anspruchsdenken gefangen.

 

Daniel Leisegang: Wettrüsten im Internet. Wie aus dem „Cyberwar“ ein realer Krieg zu werden droht

In jüngster Zeit weisen Experten auf eine neue, große Gefahr im Internet hin: Ein Cyberwar könne die sogenannten Kritischen Infrastrukturen eines Landes treffen – mit angeblich dramatischen Folgen. Daniel Leisegang, Politikwissenschaftler und „Blätter“-Redakteur, analysiert das Bedrohungsszenario und plädiert für rhetorische wie militärische Abrüstung. Andernfalls drohe aus dem Cyber-Wettrüsten am Ende ein realer Krieg zu werden.

 

Der Streit um eine Rede
Otto Kallscheuer: Ein Papst auf dem Boden des Grundgesetzes
Kerstin Porzner: Erleuchtung im Parlament ?

Während des Papstbesuches stand dessen Bundestagsrede im Mittelpunkt der Debatte. Bis heute scheiden sich an ihr die Geister: Nach Ansicht des Politikwissenschaftlers Otto Kallscheuer hat der Papst eine moderne Rede gehalten, in der er die Menschenwürde als übergeordnete Grundlage der menschlichen Verständigung heraus- und über alle konfessionellen Unterschiede stellt. Die Literaturwissenschaftlerin Kerstin Porzner dagegen kritisiert die Rede des Papstes als antidemokratisch. Mit seinem Verweis auf das göttliche Naturrecht setze sich der Papst über das Mehrheitsprinzip hinweg.

 

Katajun Amirpur: Islam und Demokratie. Die Geschichte einer
Aneignung

Ein halbes Jahr nach ihrem Ausbruch tritt die „Arabellion“ mit den kommenden Wahlen in Tunesien und Ägypten in die nächste Phase ein. Damit wird in diesen Ländern auch das Verhältnis zwischen Islam und Demokratie neu bestimmt. Die Islamwissenschaftlerin und „Blätter“-Mitherausgeberin Katajun Amirpur entdeckt am Beispiel der jüngsten Geschichte Irans eine voranschreitende Aneignung der Demokratie durch den Islam und seine Intellektuellen.

 

Werner Boldt: Der Kampf um die Republik. Das demokratische Denken Carl von Ossietzkys

Am 23. November 1936 wurde Carl von Ossietzky, dem von den Nazis inhaftierten und später ermordeten Herausgeber der „Weltbühne“, rückwirkend der Friedensnobelpreis des Jahres 1935 zugesprochen. Dennoch kann von einer Rezeption des politischen Denkens dieses wichtigen Linksdemokraten bis heute nicht die Rede sein. Werner Boldt, emeritierter Geschichtsprofessor an der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg, rekonstruiert die Hoffnungen und Enttäuschungen des „Republikaners ohne Republik“: von seinen großen Erwartungen an die „Weimarer Koalition“ zwischen Liberal-Bürgerlichen und Sozialdemokraten bis hin zu seinem Eintreten für die KPD.

 

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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