Ausgabe November 2015

Kurzgefasst

Navid Kermani: Jacques Mourad und die Liebe in Syrien, S. 35-48

Der Krieg in Syrien wütet weiter; Mord und Verheerung durch Assads Bomben wie den „Islamischen Staat“ treiben Tausende in die Flucht. Doch nach Ansicht Navid Kermanis liegt die islamische Kultur schon lange – und weit über Syrien hinaus – in Trümmern. Hoffnung schöpft der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels aus seinen Begegnungen mit Vertretern des christlichen Mar Musa Ordens und aus dessen Dialog mit dem Islam. Zweierlei bleibe geboten: die Beendigung des Krieges und die Besinnung auf die muslimische Tradition wie das europäische Friedenskonzept.

Kai Biermann und Thomas Wiegold: Der Krieg der Drohnen, S. 49-58

Die jüngsten Enthüllungen über den amerikanischen Drohnenkrieg offenbaren, wie schnell sich dieser verselbstständigt hat: Angepriesen als Mittel einer vermeintlich humanitären Kriegsführung, die Zivilisten wie die eigenen Soldaten schone, wächst die Nachfrage stetig, so die Journalisten Kai Biermann und Thomas Wiegold. Doch die zivilen Opfer sind hoch und mit der Automatisierung des Krieges verschwindet immer mehr die menschliche Verantwortung für den Einsatz tödlicher Gewalt.

James A. Paul: Bekämpft und benötigt: 70 Jahre Vereinte Nationen, S. 59-70

Auch im 70. Jahr ihres Bestehens bleibt die UNO das wichtigste Friedensprojekt unserer Zeit. Chronische Unterfinanzierung und innere Blockaden hindern sie jedoch daran, diesem Auftrag gerecht zu werden, analysiert der US-amerikanische Politikwissenschaftler James A. Paul. Angesichts globalisierter Märkte, forcierten Klimawandels und weltweiter Fluchtbewegungen bedürfe es einer globalen Ordnung heute mehr denn je. Daraus könnte, ja müsste die UNO neue Stärke beziehen.

Steffen Vogel: Die autoritäre Versuchung. Europas neue Linke zwischen Aufbruch und Populismus, S. 71-78

Parteien wie Syriza und Podemos stehen am Scheideweg: Sie verkörpern einen gesellschaftlichen Aufbruch und die Abkehr vom Neoliberalismus. Zugleich aber setzen sie immer wieder auf populistische Strategien. Damit droht ihnen jedoch das Scheitern als progressive Kräfte, warnt „Blätter“-Redakteur Steffen Vogel. Gegen die autoritäre und nationale Versuchung hilft nur konsequente Europäisierung.

Jennifer Jacquet: Schämt Euch! Moralische Anklage als gewaltloser Widerstand, S. 79-87

Wie können wir Verhaltensweisen ändern, die nicht illegal sind, aber der Mehrheit massiv schaden? Vor diese Frage stellt uns nicht zuletzt der Klimawandel mit immer größerer Dringlichkeit. Die Antwort, so die Umweltwissenschaftlerin Jennifer Jacquet, liegt in einer Strategie der Beschämung. Richtig angewandt, ist sie eine Form gewaltlosen Widerstands, die gegen die herrschenden Mächte gesellschaftliche Regeln etablieren kann.

Reinhard Loske: Sharing Economy: Gutes Teilen, schlechtes Teilen?, S. 89-98

Die Ökonomie des Teilens boomt. Doch führt sie tatsächlich zu mehr gesellschaftlichem Miteinander, trägt sie gar den Keim einer wirtschaftlichen Alternative in sich? Oder steht sie im Gegenteil für verschärften Wettbewerb, prekäre Arbeit und Monopolbildung? Beide Entwicklungen sind möglich, aber keineswegs zwingend, argumentiert der ehemalige Bremer Umweltsenator Reinhard Loske. Um die Sharing Economy auf einen nachhaltigen Weg zu bringen, gelte es sie klug zu regulieren.

Wolfgang Engler: Im Endspielmodus. Siegt sich der Kapitalismus tatsächlich zu Tode?, S. 99-110

Der Kapitalismus, so lautet die Dialektik der Geschichte, kann nur so lange überleben, wie er nicht völlig kapitalistisch ist. Daher könnte sich der Triumph über seine Widersacher langfristig als Pyrrhussieg erweisen, argumentiert der Kultursoziologe Wolfgang Engler. Er analysiert, wie der Kapitalismus sich mangels noch existierender Alternativen totalisiert hat. Heute stehe er vor seiner letzten Grenze: dem Menschen, wie wir ihn kennen.

Tim Engartner und Gesa Heinbach: Geschäftsmodell Privatschule: Der selbstverschuldete Niedergang des öffentlichen Bildungswesens, S. 111-119

Seit Jahren verliert das mangelhaft ausgestattete Regelschulsystem immer mehr an Rückhalt. Wer es sich leisten kann, wendet sich privaten Schulen zu. Das hat fatale Folgen, so der Bildungswissenschaftler Tim Engartner und die Politikwissenschaftlerin Gesa Heinbach. Durch die Konkurrenz um Schüler, Lehrkräfte und öffentliche Fördermittel verstärken Privatschulen den Niedergang des öffentlichen Bildungswesens – und damit auch die grassierende soziale Ungleichheit.

 

Aktuelle Ausgabe April 2020

In der April-Ausgabe analysiert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel, wie die Corona-Krise die große Erzählung vom Segen der Globalisierung endgültig entzaubert. Der Ökonom Thomas Piketty widmet sich der Ideologie der Ungleichheit und zeigt: Das Aufstiegsversprechen westlicher Gesellschaften ist nicht länger tragfähig. Der Historiker Yoni Appelbaum erkennt im demographischen Wandel in den USA einen zentralen Treiber für den wachsenden Hass in der amerikanischen Gesellschaft. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis geht den kolonialen Wurzeln des Rassismus auf den Grund. Und die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will würdigt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidassistenz.

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