Ausgabe Oktober 2020

Kurzgefasst Oktober 2020

Wade Davis: Corona oder: Das klägliche Ende des amerikanischen Traums, S. 53-62

Dank einer kollektiven Anstrengung gelang den USA in den 1940er Jahren eine rasante Modernisierung, die entscheidend zum Sieg über Nazi-Deutschland beitrug. Davon jedoch ist das Land heute weiter entfernt denn je, so der Anthropologe Wade Davis. Das Coronavirus zwingt die Weltmacht nicht nur in die Knie, sondern deckt schonungslos deren Schwächen auf. Diese sind so grundlegend, dass es mit der Abwahl Donald Trumps allein nicht getan ist: Das Ende der US-Hegemonie wirkt unausweichlich.

Bernd Greiner: Gewalt. Macht. Hegemonie. Zur Aktualität von Henry Kissinger, S. 63-71

Donald Trump steht für den totalen Ausfall der USA als globaler Ordnungsmacht. Allerdings war Ende der 1960er Jahre die Lage durchaus vergleichbar. Der Historiker Bernd Greiner analysiert, wie der damalige US-Chefstratege Henry Kissinger alles seinen und den neoimperialen Ambitionen Präsident Nixons unterordnete und damit bis heute zur Verkörperung eines skrupellosen Intellekts im Dienste möglichst absoluter Macht avancierte.

Zafer Şenocak: Wir und die Anderen. Kolonialismus, Rassismus und die deutsche Außenpolitik, S. 72-80

In den letzten Monaten ist eine hitzige Debatte über Rassismus und Kolonialismus entbrannt. Weit weniger wird jedoch diskutiert, was dies für die deutsche Außenpolitik bedeutet. Der Schriftsteller Zafer Şenocak analysiert die langen Linien des europäischen Rassismus und fordert ein weit stärkeres deutsches Engagement im Dienste einer universalistischen Idealen verpflichteten Friedens-, Sicherheits- und Migrationspolitik.

Micha Brumlik: Der Kampf der Weltanschauungen. China gegen den Westen: Von Kant über »Habeimasi« zu »Tianxia«, S. 81-90

Die Konfrontation der Weltmächte USA und China ist auch eine Konfrontation zweier Philosophien, so der „Blätter“-Mitherausgeber Micha Brumlik. Ein westlicher, die Menschenrechte ins Zentrum stellender Universalismus wird dabei von einem Universalismus der friedlichen Koexistenz unterschiedlicher Systeme herausgefordert. Dessen Kulturrelativismus ist jedoch alles andere als eine vernünftige politische Option – so sehr die aufstrebende Macht China auch darauf drängt.

Dina Nayeri: Flüchtling für immer, S. 91-97

Europa schottet sich gegen Flüchtlinge ab – diese Politik steht selbst nach dem verheerenden Brand im hoffnungslos überfüllten Lager Moria auf Lesbos nicht zur Disposition. Stattdessen wird weiter minutiös geprüft, wer überhaupt Schutz „verdient“. Doch was ist furchtbar genug, damit der Westen sich verantwortlich fühlt, fragt die Schriftstellerin Dina Nayeri, die als Kind aus dem Iran in die USA migrierte. Gerade die Rede vom „Wirtschaftsflüchtling“ diene dazu, das Geburtsrecht der Privilegierten zu schützen.

Ewgeniy Kasakow: Opposition unter Störfeuer. Alexej Nawalny und der zähe Kampf mit dem Kreml, S. 99-104

Die Vergiftung Alexej Nawalnys hat die russische Opposition ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit gerückt. Bei den jüngsten Regionalwahlen reichte es jedoch nur für Achtungserfolge. Das resultiert einerseits aus der notorischen Zersplitterung der Putin-Gegner, analysiert der Politikwissenschaftler Ewgeniy Kasakow. Andererseits lässt der Kreml kaum etwas unversucht, um die Opposition zu schwächen. Die Aussichten für die Duma-Wahl im kommenden Jahr sind daher düster.

Rudolf Hickel: Die Kosten der Coronakrise: Wer begleicht die Rechnung?, S. 105-112

Die Corona-Pandemie hat quasi über Nacht einen fundamentalen Paradigmenwechsel in der öffentlichen Haushaltspolitik erzwungen: die Abkehr vom Dogma eines Staats ohne Neuverschuldung. Genau das aber war hochgradig rational und sollte mittelfristig beibehalten werden, so der Ökonom und „Blätter“-Mitherausgeber Rudolf Hickel. Statt schnell zur Schwarzen Null zurückzukehren, komme es nun darauf an, die Begleichung der Corona-Rechnung sozial gerecht zu gestalten.

Ulrich Brand: Freiheit statt Egoismus: Die Klimabewegung nach Corona, S. 113-120

Coronavirus und Lockdowns haben die Klimabewegung vorerst ausgebremst. Gleichzeitig aber bietet die jüngste Krise auch den Aktivisten eine Gelegenheit für die nötigen Zukunftsdebatten. Entscheidend dabei ist, so der Politikwissenschaftler und „Blätter“-Mitherausgeber Ulrich Brand, ein anderes Verständnis von Freiheit zu stärken: An die Stelle einer bloßen Freiheit der Konsumenten müsse eine Freiheit in gesellschaftlicher Verantwortung treten – im Sinne des Klimas und einer solidarischen Gesellschaft.

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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